Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1924 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- – (sequence 86)
- Language
- German
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72 wenn sie der Handlung vorausgehen oder sie begleiten, das geseßgebende und das antreibende Gewissen genannt und beiden die nach der Tat sich einstellenden Affekte als das richtende Gewissen gegenübergestellt. Hier ist dann die Gewissensfunktion allerdings eine wesentlich andere, indem die sich bildenden Affekte nicht mehr durch den Kampf der Motive, sondern durch den Erfolg der Handlungen erzeugt werden. Alle diese Momente sind jedoch unmittelbare Folgen der Existenz imperativer Motive. Das Problem des Gewissens faßt sich daher in die Frage zusammen: wie ist die Entstehung imperativer Motive möglich? (Ethik 111 S. 61.) Die einfachste Antwort auf dieses Problem gibt der A p r i o - rismus oder ethische Intuitionismus, da er nur den Gewissensbegriff aus der mythologischen in eine abstrakt philosophische Form umwandelt. Sein Widerspruch zum Wandel der sittlichen Normen und zur psychologischen Erkenntnis des Willens ist bereits dargelegt worden. Ebenso wenig wie der Apriorismus ist aber ein E m p i r i 5 - mus der Ableitung des sittlichen Bewußtseins aus der Gattungserfahrüng des N ü ß 1 i c h e n und Schädlichen möglich, wonach die auf solche Erfahrungen begründeten Urteile zu Geboten und zu instinktiven Gewohnheiten verdichtet seien, die sich nun im individueilen Bewußtsein in den Erscheinungen des Gewissens äußern sollen. Auch wenn man zugesteht, daß die heute geltenden moralisehen Imperative für das äußere Leben des Menschen im allgemeinen nüßlich sind, ist es doch falsch anzunehmen, daß die Erk enntnis dieser Nüßlichkeii die Ursache ihrer Entstehung sei. Denn wenn verwickeltere Zweckseßungen 1m menschlichen Bewußtsein Vorkommen, so lehrt die Erfahrung, daß sie auf Grund einfacherer Triebhandlungen entstanden sind, deren Wirkungen zunächst in deutlich vorgestellte Erfolge und dann erst in erstrebte Zwecke sich ümwandelten. Infolgedessen muß aber auch die Erkenntnis des Nußens einer Handlung zunächst der Handlung nachfolgen, um ihr dann weiterhin als ihre Ursache vorausgehen zu können. Gilt dieses Prinzip für jedes irgendwie selbständige Zweckgebiet, so kann das Sittliche keine Ausnahme davon machen. In der Geschichte der Sprache, der religiösen Vorstellungen, der Sitte und der sittlichen Anschauungen finden wir die Geschichte des sittlichen Bewußtseins niedergelegt. Wenn nun überhaupt etwas aus dieser tatsächlichen Entwicklung erschlossen werden kann, so ist es dies, daß jene von der Utilitäismoral gegebene Theorie der Entstehung des Gewissens falsch ist. Zwar sind die sittlichen Imperative aus vorsittlichen Zuständen hervor-