Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1924 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- – (sequence 85)
- Language
- German
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71 rakier des Menschen gemessen werden. Aber auch diese Auf-׳ fassung ist offenbar nur eine philosophische Umformung der mythologisdien Gewissenstheorie. Sie enthält immer noch zwei Voraussefcungen, von denen die eine den sittlichen Tatsachen, die andere der psychologischen Natur des Menschen widerstreitet: Dag die sittliche Pflicht überall als die n ä m 1 i c h e aufgefaßi werde, und daß darum das Gewissen von allem Wandel der Zeit frei sei, bestätigt sich nirgends in der geschichtlichen Erfahrung. Diese macht uns zwar mit einer Reihe von Erscheinungen bekannt, nach denen die Auffassung des Sittlichen in der Menschheit möglicherweise einer endlichen Uebereinstimmung langsam entgegengeht, aber es ist nicht minder gewiß, daß eine solche Einheit hochstens als lefetes Resultat annähernd eintreten kann. An allen Wandlungen der sittlichen Entwicklung nimmt aber das Gewissen teil, seine Erscheinungsformen wechseln, um erst allmählich aus dem wandelbaren Inhalt gleichgültiger Gebote einen festen Kern gemeinsamer Ueberzeugungen zu gestalten. Nur dadurch, daß er den Tatsachen Gewalt antut, kann sich der Intuitionismus mit dieser Wandelbarkeit des Gewissens abfinden. Doch nicht bloß der objektiven, sondern nicht minder der subj e k t i v e n Erfahrung, unserer ganzen Kenntnis von der Natur des Menschen widerstreitet jene Lehre von einem den eigenen Geistestätigkeiten fremd gegenüberstehenden Gewissen. Wir kennen kein willkürliches Handeln ohne Gefühle und Triebe, denn diese sind ja kein dem Willen fremdes Geschehen, sondern Teile der Willenstätigkeit selbst, nur durch unsere Abstraktion von ihr trennbar. Wie der Wille nur in Verbindung mit gefühlsstarken Vorstellungen Wirklichkeit hat, so kann auch das Gewissen nichts von den Motiven des Willens verschiedenes sein, sondern nur auf dem Verhältnis veischiedener Motive zueinander beruhen. Allerdings aber bietet das Gebiet des sittlichen Handelns eine Eigentümlichkeit, die mit dem Grundcharakter des Sittlichen unmittelbar zusammenhängt, und in der es sich nur noch mit solchen Gebieten berührt, in denen ebenfalls der Begriff der Norm zur Ausbildung gelangt ist. Diese Eigentümlichkeit besteht in der Ausbildung imperativer Motive. Alle Willensmotive sind impulsiv. Bei den imperativen Motiven kommt dazu noch eine weitere Eigen- Schaft: sie verbinden sich mit dem Bewußtsein, daß sie allen anderen, bloß impulsiven Motiven vorgezogen werden müssen. Die Funktion des Gewissens selbst besteht darin, daß der Kampf der imperativen und impulsiven Motive von Affekten begleitet ist, welche die imperativen Motive verstärken. Diese Affekte hat man,