Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1924 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- – (sequence 77)
- Language
- German
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63 Historikern selbst und noch mehr in der populären Auffassung der Geschichte die verbreitetste ist, auf den allgemeinen, beinahe für selbstverständlich gehaltenen Gedanken, dag bei allem Auf- und Niedergang der Kultur ein fortwährender Fortschritt der Menschheit in intellektueller, moralischer Beziehung und in Vergrö&erung ihrer Glücksgüler unbestreitbar ist. Man ist überzeugt, da g in diesem allgemeinen Fortschritt das eigentliche Ziel der Weltgeschichte bestehe, und dag jedes Ereignis und jede Epoche mit Rücksicht auf ihr Verhältnis zu diesem legten Zweck zu beurteilen seien. Dieser vulgäre Optimismus ist es, der dann seinerseits wieder den Zweifel herausfordert, da sich den Tatsachen, auf die sich jener Optimismus beruft, andere von entgegengesegtem Inhalt gegenüberstellen lassen. Im Leben der Völker wechseln Auf- und Niedergang; die einmal erreichte Kultur hat in manchen Fällen den Rückfall in Barbarei nicht verhindern können. Ob wir bei der Vergleichung zweier Zeitalter Gewinn und Verlust miteinander ausgleichen können, wird schwer anzunehmen sein. Ob die Durchschnittsgröge von Einsicht, Tugend und Glück zu- oder abgenommen hat, bleibt eine niemals zu beantwortende Frage. Hat nun der Pessimismus recht, der alle Geschichte als ein unaufhörliches Einerlei von Kampf und Elend, Ueberhebung und Unterdrückung betrachtet, in welchem sich das zwischen Glück und Unglück schwankende Schicksal des Einzelnen nur unendlich vervielfältigt? Das ist der Fall, wenn die Bedeutung der Geschichte gemessen wird an den Giücksgefühlen der Einzelnen oder auch an ihren individuellen Eigenschaften. Doch wie die Realität des Gesamtgeistes und der dem Einzelwesen unbedingt übergeordnete Wert der Gemeinschaft gegen jene Auffassung Einspruch erheben, so ist die entsprechende Deutung der Geschichte mit unserer tatsächlichen Beurteilung geschichtlicher Tatsachen unvereinbar. Wir bemessen die geschichtliche Bedeutung eines Volkes oder eines Ereignisses nicht nach dem subjektiven Wert, den es für uns hat, sondern nach der Stellung, die es im allgemeinen Zusammenhang der Völker und Ereignisse einnimmt. Wohl ist der Kulturerwerb der Völker des Altertums auch für uns nicht verloren, sondern er lebt fort in unzähligen direkten oder indirekten Nachwirkungen. Aber unser Urteil über jene Kulturen und über die mit ihnen verknüpften Ereignisse der Geschichte wird doch nicht durch die Rüdesicht auf unseren Nugen bestimmt. Alle geschichtlichen Tatsachen besigen abgesehen von dem individuellen Einflug, den sie ausüben können, einen objektiven für sich bestehenden Wert, der