Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1924 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- – (sequence 72)
- Language
- German
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58 darf es auch nicht, um dem geistigen Gesamtleben eine Wirklichkeit zu sichern, die der Realität des Einzellebens gleichkommt. Hierzu genügt es festzustellen, daß der Einzelne nicht früher als die Gemeinschaft, sondern daß er als selbstbewußte geistige Persönlichkeit nur mit und in dieser möglich ist. Denn alle jene Schöpfungen, auf denen die Entwicklung des geistigen Lebens beruht, fordern zwar die Tätigkeit der Einzelnen, aber sie fordem nicht minder die geistige Gemeinschaft. So ist in jeder Hinsicht die Realität des Gesamigeistes eine ebenso ursprüngliche und sicher begründete, wie die des Einzellebens. An objektivem und allgemeingültigem Wert ist sie aber dieser um ebensoviel überlegen, als sie dauernder und umfassender ist. (System der Philosophie II S. 189.) Der aktuelle Seelenbegriff wird diesen Anforderungen der psychologischen Betrachtung gerecht, indem er keinen anderen Maßstab als den der tatsächlichen Wirksamkeit für die Realität des geistigen Seins anerkennt. Wie er für das Einzelleben an stelle eines transzendenten und hypothetischen Seelenatoms die ganze Fülle innerer Erlebnise wiedergewinnt, die dem geistigen Sein allein einen unverlierbaren Wert geben, so erseßt er das zufällige Zusammentreffen egoistischer Strebungen durch ein wahres Gesamtleben der Geister, das dem Einzelnen neue Kräfte zuführt, die von ihm verarbeitet und der geistigen Gemeinschaft als neue Teilkräfie des Gesamilebens zurückgegeben werden. Hieraus ergibt sich, daß der Umfang und die Festigkeit dieser Verbindungen, die wir unter dem unbestimmten Begriff der Gemeinschaften zusammenfassen, ebenso verschieden sein kann, wie der Wert, den sie nicht nur an sich, sondern auch für das ihnen angehörende individuelle Leben haben. Je reicher sich das geistige Leben entwickelt, um so mannigfaltiger werden die Verbindungen, bis sie endlich in den durch die höhere Kultur erzeugten Gestaltungen eine Fülle von Abstufungen hervorbringen, die von den losesten und vergänglichsten Interesseverbänden bis zu den dauernderen alle wichtigeren Seiten des Daseins umfassenden Formen des^ Gesamtlebens emporreichen. Der fortwährende Fluß des geistigen Geschehens führt zu der Forderung, daß gerade in bezug auf die höheren, selbst schon eine weitgehende Ausbildung vorausseßenden Gemeinschaftsformen der Menschheit das geistige Leben eine unerschöpfliche nie in feste Schranken einzuengende Entwicklung sei. Wohl ist hier wie überall eine plößliche und unvorbereitete Neuschöpfung undenkbar. Die Gestaltungen der Gegenwart und Zukunft sind in der Ver-