Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1924 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- – (sequence 71)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2720904-2721047--070-2726455- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
57 Bewußtseins niederster Form sein; er reagiert in einzelnen Trieb- Handlungen, deren Nachwirkungen nur verschwindend kurze Zeit im Gedächtnis haften. Die Entwicklung der Metazoen geht dann nach zwei divergierenden Richtungen: Bei den Pflanzen kommt es weder zur Ausbildung eines Zentralbewußtseins noch zu einer ihm entsprechenden organischen Einheit des Körpers in vollem Sinne. Hingegen bei der tierischen Entwicklung führt die eintretende Arbeitsteilung der Organe zur Entstehung einer durch das Nervensystem vermittelten Einheit des Gesamtkörpers und mit dieser physiologischen Entwicklung der Nervenzentren hält die psychologische des Bewußtseins gleichen Schritt. Das Zentralbewußtsein, das sich zum individuellen Selbstbewußtsein erhebt, zieht sich auf das herrschende Zentralorgan zurück, während den niederen Nervenzentren eine Reihe triebartiger Reaktionen, die ursprünglich gleichfalls an das Zentralbewußtsein gebunden waren, nunmehr als selbständiges Funktionsgebiet verbleibt. Einen Einfluß auf das Zentralbewußtsein gewinnen diese niederen Zentren in der Form der Empfindung. So bilden sich Gesichts-, Gehörs- und andere Sinnesvorstellungen, die im Dienste des Zentralbewußtseins stehen und die Materie seiner apperzeptiven Tätigkeit bilden. Das Zentralbewußtsein bedingt also die Einheit der assoziativen und apperzeptiven Tätigkeiten der Seele. (System der Philo- Sophie II S. 183 ff.) e) Entwicklungsformen des Gesamtgeistes. 1. Der Gesamtgeist. Der Gesamtgeist, die geistige Gemeinschaft und die Erzeugnisse der Gemeinschaft sind nicht Schöpfungen der zunächst isolierten Individuen. Denn in Wahrheit ist jenes isolierte Individuum, das im Anfang aller geistigen Gesamtentwicklung stehen soll, in keiner Erfahrung anzutreffen. Diese zeigt uns vielmehr die Gemeinschaft der Einzelnen, wie sie schon die Bedingung der physischen Entwicklung ist, so in noch höherem Maße als einen nicht hinwegzudenkenden Faktor des geistigen Lebens. Sprache, Sitten, religiöse Anschauungen sind um so weniger, je weiter wir uns in ihre Anfänge zurückverseßen, als Erfindungen Einzelner zu denken. Sie sind Erzeugnisse, an denen nicht nur viele beteiligt sind, sondern die gar nicht Zustandekommen könnten, ohne eine jedes individuelle Leben umfassende Gemeinschaft. Nun ist freilich richtig, daß es einen außerhalb der Einzelnen stehenden und unabhängig von ihnen bestehenden Gesamtgeist nicht gibt. Aber eines mystischen Wesens solcher Art be-