Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1924 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- – (sequence 65)
- Language
- German
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51 Diese Betrachtung der Lebenserscheinungen als chemischer Prozesse aber schließt nicht aus, daß dieselben Erscheinungen auch von anderen Gesichtspunkten aus betrachtet werden. Was der Chemiker bloß nach seinen allgemeinen physikalisch-chemischen Beziehungen zu analysieren hat, das untersucht der Physiolöge wesentlich im Hinblick auf seine Bedeutung für den Zusammenhang der Funktionen des Organismus. Analog verhalten sich der physiologische und der psychologische Standpunkt. Naiürlich kann auch der Psychologe die physiologischen Zusammenhänge nicht ignorieren; aber sein eigenstes Interesse wird doch durch die Eigenschaften der psychischen Elementarvorgänge und ihre Verbindungen zu Komplexen seelischer Funktionen gefesselt, Funktionen, die wiederum an sich jenseits der ausschließlich den physiologischen Lebenserscheinungen zugewandten Aufgaben der Physiologie liegen. Zugleich stehen die drei Anschauungen untereinander in engster Beziehung. Der regelmäßige Kräftewechsel, der sich der physiologischen Betrachtung bietet, ist das unmittelbare Erzeugnis chemischer Vorgänge, und der Wechsel von Gefühls- und Willenserregungen, den.die psychologische Betrachtung vorausseßt, entspricht der allgemeinen Korrelation physischer und psychischer Prozesse. Wegen dieses Zusammenhanges der drei Standpunkte muß es nun auch da, wo die Anwendung des einen oder anderen auf Schwierigkeifen stößt, die aus der Unmöglichkeit des direkten Nachweises der entsprechenden Elementarprozesse entspringen, gestattet sein, sich der übrigbleibenden zu bedienen. So verdrängt tatsächlich die physiologische die chemische Betrachtung notwendig dann, wenn uns nur die äußeren Erscheinungen eines Kräftewechsels gegeben sind, dessen chemische Bedingungen noch unbekannt bleiben. Und wird die psychologische Interpretation immer da vor den beiden anderen in den Vordergrund treten, wo ein umfassender Zusamenhang von Lebensvorgängen einen psychologisch zu deutenden Zweckzusammenhang erkennen läßt, während uns die physiologischen und chemischen Zwischenglieder, welche die äußere kausale Verbindung der Teile dieses Zusammenhanges herstellen, völlig entgehen. (System der Philosophie II S. 93 ff.) Während aber die physiologische und chemische Befrachtung wieder in engerer Verbindung miteinander stehen, insofern sie sich beide auf die, physische Seite des Lebens beziehen und mehr und mehr eine beide Seiten umfassende physiologisch-chemische Erklärung gefordert wird, bilden die psychischen Inhalte der Lebensvorgänge einen Kausalzusammenhang für sich, der zwar