Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1924 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- – (sequence 64)
- Language
- German
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50 vorausgegangen sein wird, so scheint alle Wahrscheinlichkeit dafür zu sprechen, dag die erste Entstehung einfacher Lebensformen ein sehr allmählicher, in verschiedenen Stufen sich vollziehender Prozeß chemischer Synthesen war, der im Zusammenhang mit der allmählich erfolgenden Aenderung der äußeren, namentlich der Temperaturbedingungen erfolgte. (System der Philosophie II S. 81.) Mit dem Aufhören der Urzeugung sind für die organische Welt andere Verhältnisse eingetrelien, die ihre Selbsterhaltung nur auf dem Wege der Fortpflanzung und miitels der fortwährenden Aneignung der zum Lebensprozeß verwendeten Stoffe und Kräfte aus der anorganischen Natur möglich machen. Die Natur dieser Prozesse ist uns zum großen Teil noch unbekannt. Wir können aber annehmen, daß sie durchweg zu jenen ״Katalysen“ gehören, die dadurch ausgezeichnet sind, daß Stoffe, die selbst anscheinend in ihrer Konstitution unverändert bleiben, auf andere in ihrer Umgebung befindlidie zerseßend einwirken und dann unter günstigen Bedingungen im Gefolge dieser Zerseßungen chemische Synthesen her- Vorbringen. Die katalytisch wirkenden organischen Stoffe dieser Art nennt man Fermente oder Enzyme, die aber nicht nur spaltend, sondern auch synthetisch wirken. Da die Substanzen, die den Leib der Organismen bilden, höchst zerseßbar und demzufolge in fortwährender innerer Zerseßung begriffen sind, so kann hier ein stabiler Zustand nur entstehen, wenn zwischen dem Elementar-Organismus und seiner Umgebung ein fortwährender Stoffausiausch stattfindet. Für die Erkenntnis dieser Vorgänge sind wir, da sie uns bis jeßt nur in ihrem äußeren Verlauf einigermaßen zugänglich sind, im wesentlichen auf chemische Analogien angewiesen, die einen ähnlichen Verlauf darbieten. Da die Physiologie den synthetischen Teil dieser Prozesse als Assimilation, den analytischen als Dissimilation bezeichnet, konnte sie die Bedingungen der organischen Stabilität in dem Gleichgewicht zwischen Assimilation und Dissimilation erblicken. Ueberwiegt erstere, so erfolgt Wachstum und Zeugung neuer Elementar- Organismen, überwiegt leßtere, so tritt der Tod ein als Ergebnis der Selbstzerseßung. Die Begriffe der Assimilation und Dissimilation sind aber rein symptomatischer Art, die die Natur der wirklieh stattfindenden Prozesse völlig unbestimmt lassen. Voraussichtlieh werden diese symptomatischen Kollektivbegriffe mit der tieferen Einsicht in den Chemismus der Lebensvorgänge von selbst verschwinden und auf die wahrscheinlichen katalytischen Elementar- Vorgänge selbst zurückgeführt werden.