Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1924 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- – (sequence 55)
- Language
- German
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41 täuschen, dafe Gott in der Religion etwas ganz anderes bedeutet, als das Unbekannte in der an ihre Grenze gelangenden positiven Wissenschaft. Nicht das Absolute, Unerkennbare, unserer Erkenntnis Entzogene nennt die Religion Gott, sondern eine von aller irdischen Wirklichkeit geschiedene Art des Seins ergreift der Religiöse im Gottesbewu&tsein. Für Spencer ist Gott die unbekannte Weltkraft. Die unbekannte Weltkraft ist nicht der Gegenstand religiöser Erschütterung und Beseligung. Wenn die Religion Gott den Leben Schaffenden und Zerstörenden nennt, so Hegen Gott und Leben nicht in einer Ebene. Vom Irdischen zum Ueberirdischen, vom Diesseits zum Jenseits führt der Weg der Religion, wobei Ueberirdisches und Jenseitiges die qualitative Andersartigkeit des Göttlichen, nicht die blofee Steigerung des Irdischen und Luesseitigen bedeutet. Hingegen liegen Unbekanntes und Bekanntes in derselben Sphäre der Erkenntnis, Agnostizismus un Raüonalismus sind Entscheidungen des erkennenden Geistes, heilig und profan dagegen sind ihrem Wesen nach von den Erkenntnisgegensäfeen des Unbekannten und Bekannten verschieden. So atmet die Religion in einer anderen Sphäre als die Wissenschaft und hat auch mit dem Grenzbegriff der Wissenschaft, der Idee des Unbekannten nichts gemein. Das Geheimnis der Religion ist die Herrlichkeit Gottes, das Geheimnis der Wissenschaft das X des nicht Er-* kennbaren. Besteht aber diese qualitative Verschiedenheit zwischen Religion und Wissenschaft, dann trifft auch die Kritik der niederen religiösen Stufen nicht im entferntesten ihren Kern und Gehalt. Denn ihr religiöser Gehalt ist nicht mit der Form der Vorstellung, in den er sich kleidet, identisch. Und es könnte sein, dafe alle religiösen Vorstellungsformen als religiös unzulänglich erkannt werden, ohne dafe damit das ihnen zugrunde liegende religiöse Gefühl seine Eigenart verlöre. Wie etwa eine moderne Naturfrömmigkeit im Polytheismus der Antike nur schwer auch heute ihren adäquaten Ausdrude finden wird. Es ist der Sinn einer religiösen Phänomenologie, die verschiedenen Typen religiösen Empfindens zu sondern, die in der Klassifikation der religiösen Vorsiellungen nur sehr mittelbar erfafet werden. Dasselbe religiöse Symbol kann sehr verschiedenen religiösen Gefühlen zum Ausdrude dienen. Man denke an den verschiedenen religiösen Sinn, den das Opfer haben kann, ob es einer Naturreligion oder einer Geistesreligion angehört und wieder in beiden Religionsarten Ausdruck einer weltflüchtigen oder das Leben bejahenden Religiosität ist. Nun aber die religiösen Vorstellungen gar nur auf ihre