Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1924 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- – (sequence 54)
- Language
- German
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40 iosigkeit, das Gemälde des Lebens in Farbe, Wort, Ton und Gestalt zu bannen ist das zauberische Wesen der Kunst, die uns erschüttert und beseligt. Wohl ist die Kunst Spiel, aber ein Spiel tiefen Ernstes schwer, der Schleier der Maja, der das Leben enthüllt* indem er es unter buntem Schimmer zu verbergen scheint. Wohl ist es richtig, im Spieltrieb den ersten Antrieb zu nicht zweckhaft bestimmter Tätigkeit des Subjekts zu erkennen. Aber auch hier gibt der Spieltrieb nur die selbständige Entwicklung des ästhetischen Bewußtseins frei, und gestattet die freie Entfaltung des künstlerischen Lebens der Seele. Nicht aber ist Kunst mit dem Spiel identisch. Denn wie lose beim Spiel das Band des biologischen Interesses am Boden schleifen mag, der Sinn des Spieles ist doch der Emst der Anwendung der im Spiel geübten Kräfte auf Lebensziele. Hingegen ist die Kunst aller auch nur möglichen Dienstbarkeit entzogen, ist der freie Blick der Seele in die Tiefe der Welt. Und gerade weil das industrielle System das Gefühl für die Tiefe des Lebens zugunsten seiner klugen Beherrschung mindert, ist der Fortschritt der Zivilisation eine Gefahr für die Zukunft der Kunst, wenn nicht der Künstler durch alle Zivilisation hindurch zu den geheimnisvollen schöpferischen Mächten vorzudringen vermag. Das eben ist die liefe Unzulänglichkeit des SpenceFschen und jeden Naturalismus, daß er die Eigenart und den Reichtum des seelischen Lebens verleugnen muß. Daß Spencer die Religion auf die Idee des Unerkennbaren, das aller Wirklichkeit zugrunde liegt, zurückführen und als solche anerkennen will, scheint über die biologische Betrachtungsart des Lebens hinauszugehen. Denn wenn Spencer auch die primitiven religiösen Vorstellungen und Kulte des Geister- und Dämonenglaubens, des Ahnenkultus und der Heroenverehrung, des Polytheismus und selbst den Monotheismus als unhaltbare Phantasievorstellung durch die Entwicklung der Wissenschaft überwunden werden läßt, so hebt er doch hervor, daß eben die Wissenschaft immer entschiedener auf die allen Erscheinungen zugrunde liegende in ihrem Wesen unbegreifliche Kraft hinweist, die alles durchdringt und schafft. Das Gefühl für diesen geheimnisvollen Grund allen Lebens hat die Religion zu wahren, und darum sind selbst Kulte zu bewahren, die dem Gefühl für das Geheimnis des Lebens Ausdruck geben. Und dennoch liegt auch hier eine Negierung der Religion vor. Denn so sehr Spencer im Geheimnis des Lebens die Wurzel der Religion nachzuweisen sucht, darf man sich nicht darüber