Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1924 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- – (sequence 52)
- Language
- German
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38 schädlich sind für uns verschiedene Begriffe und auch nicht auf dem Wege über die Gattungserfahrung identisch. Wir ergreifen im sittlichen Wert eine Qualität des Seins und Handelns, die vom biologischen Wert so verschieden und ihm so überlegen ist, wie Wahrheit dem Nußen. Sind aber gut und nüßlich für unser sittliches Bewußtsein verschieden, dann mag das industrielle System noch so nüßlich sein, wir können es nicht als höchste Lebensform anerkennen, wenn es nicht die beste Verwirklichung des ihm überlegenen Sittlichen bietet. Ob aber das industrielle System diesem Zweck der Sittlichkeit dient, ist zum Mindesten sehr problematisch. Gerade seine Intensivierung des Erwerbsstrebens schränkt nur zu häufig den geistigen Gesichtskreis auf die biologischen Lebenswerte ein und hat die Tendenz, die Verbesserung der Lebensbedingungen mit dem siitliehen Wert des Lebens zu identifizieren. Die Spencer'sche Ethik ist eine solche Identifizierung der Zivilisationswerte des Industrialismus mit den Kulturwerten; die lediglich biologische Schäßung der sittlichen Werte für den Zweck der Lebenserhaltung, stellt also eine Umkehrung der sittlichen Rangordnung in eine biologische dar. Sind aber Persönlichkeit, Ehe, Familie, Volk, Kultur sittliche Güter, die mit den biologischen Lebenswerten nicht identisch sind, wie dies unser sittliches Bewußtsein behauptet, dann ist die Spencer'sche Ethik keine Ethik, sondern ein Teil der Biologie. Der naturalistische Monismus macht die Ethik zu einem Stück Naturlehre des Menschen und ordnet die sittlichen Werte den biologischen unter. Darum ist auch Spencers biologische Soziologie ein Stück Naturgeschichte des Menschen, die die Kulturmächte des menschliehen Lebens nur von ihrer biologischen Seite zu berücksichtigen vermag. Wohl soll keineswegs in Abrede gestellt werden, daß der Inhalt des sittlichen Bewußtseins in tiefer innerer Bezogenheit zu der sozialen und wirtschaftlichen Struktur des gesellschaf tlichen Lebens steht. Es ist ein Verdienst der soziologischen Schule und so auch Spencers, diese Be- Ziehung des Geisteslebens zur konkreten Lebensgrundlage in helles Licht gerückt zu haben. Aber Beziehung bedeutet nicht Abhängigkeit und Dienstbarkeit des Geistigen unter das Materielle im Sinne eines biologischen Utilitarismus. So werden wir auch anerkennen können, daß der Zwang der sozialen, politischen und religiösen Normen die Entwicklung des sittlichen Bewußtseins begünstigt hat, daß die Zähmung des Menschen durch Staat und Gesellschaft seiner freien Moralität, dem Erstarken sittlicher Antriebe günstige Möglichkeiten bereitet