Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1924 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- – (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2720904-2721047--047-2726432- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
34 Bedeutung zukommt, als der mittleren Uebergangsstufe. Diese intellekiualistische Entwicklungsreihe kennt also nur Wirtschaftsstufen als wesentlichen Inhalt der Entwicklung und ihre Formbedingtheit durch den Intellekt. Wie Kultur und Zivilisation identisch sind, gibt es nur den Fortschritt von Barbarei zur Zivilisation. Nicht wird bestritten, daß die affektiven Mächte des Glaubens, Fuhlens und Wollens einen bedeutenden Einfluß auf die Gestaltung des Gemeinschaftslebens haben, aber ihr Einfluß hängt ab von der Stärke oder Schwäche des Intellekts, der die Gegenstände des Fuhlens und Wollens und die Wege ihres Erreichens bestimmt. Gerade diese Geschlossenheit und Folgerichtigkeit des Spencer’schen Systems macht dieses System so lehrreich für die Untersuchung der Möglichkeit einer naturalistischen Erkenntnis des geschichtlichen Lebens der Menschheit. Eine Kritik aber dieser materialistischen!Geschichtsphilosophie muß an der Grundthese anseßen, daß alles Geistesleben im Glücksstreben des Einzelnen und der Masse seinen Ursprung habe, demnach Massenegoismus und Gemeinschaftsleben, Kultur und Zivilisation identisch seien. Erweist sich diese Identifizierung als falsch, dann würde sich ergeben, daß Ehe, Familie, Stamm, Volk, Recht, Sitte, Sittlichkeit, Religion, Kunst, Wissenschaft, Staat, Völkergemeinschaft von Spencer im Wesentlichen ihres Seins unerkannt geblieben sind. Wir schreiten daher✓ zur Kritik seiner Werttheorie: Da es der I n t e 11 e k t ist, der die Kraft der sozialen Veränderungen ist, so untersuchen wir, welches nach Spencer sein Wesen ist. Für Spencer ist der Intellekt selbst von höchst Widerspruchsvoller Art. Einmal ist er die Vorausseßung bereits aller Wahrnehmung eines Gegenstandes. Denn die Wahrnehmung eines Gegenstandes besteht in der Feststellung von Eigenschaften, die in einem behauptenden Urteil zum Ausdrude gelangen. Dieses aber ruht auf der Vergleichung mit anderen Gegenständen. So daß alle Aussage über das, was ein Ding ist, bedingt ist durch die Klassifikation und Einordnung des Dinges in eine Reihe ähnlicher Dinge. Demnach ist Wahrnehmung vom Denken bedingt. Andererseits behauptet Spencer, daß Denken nur eine Integration der Bewußtseinsinhalte, die von selbst erfolgende Angleichung gegenwärtiger Erfahrungen an frühere Erfahrungen sei. Und zwar geschieht diese Angleichung im Dienste der biologischen Erhaltung der Individuen. Wegen dieser biologischen Funktionen der Angleichung der Erfahrungen aneinander ist sie nicht auf das Individuum beschränkt, sondern wie die Entstehung des Individuums und seiner Organisation durch die Ahnenreihe und die Erfahrungen