Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1924 (1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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13 liehen Gesefee, die Furcht vor dem Toten, den Ahnen, den Göttern die Wurzeln der religiösen Gesefee. (W. W. VI, 1 S. 521.) Die Entwicklung des Geistes ist die Ursache des sozialen Fortschritts und! schließlich der Ueberwindung des primitiven Kriegsstaates. Die Entwicklung der Sprache, die immer größere Bestimmtheit und Differenziertheit erhält, das Anwachsen der Erfahrung läßt immer größere Tatsachengebiete in ihren objektiven Zusammenhängen erfassen, die Entwicklung der Technik macht den Menschen unabhängig von der Gunst der Götter und lehrt ihn, nicht bloß durch Raub und Krieg und von der gegebenen Beschaffenheii des Bodens seinen Lebensunterhalt zu gewinnen, sondern durch Erfindungen, Arbeit, Ausdauer und Besonnenheit in der Zeit des Friedens Güter zu erringen, die durch den Krieg nur gefährdet werden. So tritt allmählich der kriegerische Typus des Staates zurück und weicht dem Industrialismus, der Ent־ Wicklung der Wirtschaft, der Technik, des Handels und Verkehrs. An Stelle der zwangsweisen Unterordnung tritt das freiwillige Zusammenwirken, die militärische Gliederung des Staates schwindet und die Genossenschaften der Arbeitnehmer wie der Arbeitgeber, die politischen Verbände und wirtschaftlichen Vereinigungen beruhen mehr und mehr auf der Freiwilligkeit der Einzelnen und ihrer Vertretung gemäß dem Repräsentativsystem. Die Grundlage des freien Austausches regelt das Leben und nicht mehr ist der Einzelne der Diener des Staates, sondern der Staat dient dem Leben, der Freiheit und dem Eigentum seiner Bürger, indem er sie vor Gewalt schüfet. ln der Form der kirchlichen Regierung sehen wir eine entsprechende Veränderung sich vollziehen. Das Recht des freien Urteils in religiösen Dingen kommt allmählich zugleich mit der Erwerbung politischer Rechte immer mehr zur Geltung. Statt eines gebieterisch geforderten gleichmäßigen Glaubens treten mancherlei Glaubensansichten auf, welche jeder nach eigenem Gutdünken annehmen kann und die verschiedenen neu entstehenden religiösen Körperschaften herrschen nicht mehr despotisch, sondern verwalten sich selbst nach repräsentativem Muster. Der Wille der Bürger wird oberstes Gesefe in der Kirche wie im Staat. Die Entwicklung der Wissenschaft schränkt mehr und mehr das Herrschaftsgebiet der Götter ein, immer deutlicher werden die natürlichen Zusammenhänge erkannt, immer geringer wird die Zahl der Götter, bis der Monotheismus alle antropomorphe Goitesvor- Stellung, die ihm selbst anhaftet, aufgibt und den Kern der Religion nur in der Idee des Unerkennbaren erblicht, das allem Erkenn-