Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1922 und 1923 (1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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12 gleich, uns über Not und Zerstörung erheben soll. אלא ששפך חמתו על עצים ואבנים. Der Zorn Gottes hat sich über Holz und Stein ergossen. Und das ist das Merkwürdigste im Schicksal des jüdischen Volkes. Nicht das Volk selbst wurde vernichtet, sondern nur die äußerlich sichtbaren Symbole des Volkslebens: Holz und Stein! Zukunft und Ewigkeit ist das höchste Ideal, dem die Mensch״ heit von jeher zugestrebt hat. Mitten im unaufhaltsamen Strome von unaufhörlichen Wandlungen und Veränderungen suchte man von jeher das Bleibende, das Ewige, das Göttliche zu erfassen. Die ältesten Völker suchten es in der Materie selbst. Es erstanden Schöpfungen menschlicher Kraft und Kunst, Baudenkmäler der seltsamsten Art, die letzten Endes dem Ideal gewidmet waren, die Gegenwart festzuhalten, das Vergängliche unvergänglich zu machen. Dieser innere, göttliche Zug des zur Höhe emporstrebenden Menschen hatte in der jüdischen Seele die tiefste Wurzel gefaßt. Doch hatte Israel den Ewigkeitsgedanken ״nicht in Holz und Stein“ gesucht, sondern im Reiche des Geistes, er empfing ihn von Gott selbst. Es ist die Lehre Gottes, die Israel für seine lange Wanderung durch die Weltgeschichte als Wegweiser mitgenommen hat. אשר נתץ לנו תורת אמת וחיי עולם נטע בתוכינו. Daß uns Gott die wahre Lehre gegeben hat, pflanzte er dadurch ewiges Leben in uns. Wohl mag es Israel zu manchen, ja zu vielen Zeiten hart empfunden haben, wie ganz verschieden die anderen Völker ihre Zukunft zu sichern wissen, wie ganz verschieden auch schon ihre äußeren Symbole sind. Doch mußte Israel schon in den ältesten Zeiten die Wahrnehmung machen, daß ewig nur ist, was göttlich ist. Oft sah Israel den Untergang von Welten mit an, erlebte den Untergang seiner eigenen Welt, und war nahe daran, an seiner Zukunft ganz zu verzweifeln, aber dieses göttliche Buch, die Thora, hat es aus der Verzweiflung gerettet, hat ihm die Fähigkeit zu neuem Leben, die Kraft zum Aufbau einer neuen Welt verliehen. Und wieder stehen wir heute bei einem Grenzstein der Weltgeschichte. Auch uns hat das schwere Schicksal betroffen, Zeugen eines Weltuntergangs zu sein. Und diese weltgeschichtliche Wendung hat unsere Anstalt sehr hart betroffen. Wenn Sie, m. H., heute zu uns gekommen sind, wenn Sie es über sich gewinnen konnten, neben den gesteigerten Aufgaben des täglichen Lebens, die auf Ihren Schultern lasten, diesem Hause Gottes, dieser Stätte der jüdischen Lehre, der Wissenschaft des Judentums Ihre Kräfte zu widmen, so erkennen wir darin echte jüdische Begeisterung, den tiefen, unbezwingbaren Drang zu einem neuen Schaffen und Wirken. Sie sind Zeugen einer unter-