Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1920 (1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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142 Präexistenzlehre fehlt1. Wenn nun unser Yf. von dem Standpunkt seiner Gemeinde wesentlich abwich — was ohnehin nicht sehr wahrscheinlich ist—und diesen Gegensatz zum Ausdruck bringen wollte, so würde er sich gewiß deutlich ausgedrückt und nicht derart verklausuliert haben, daß kein philosophisch Ungeschulter eine Anspielung auf die Präexistenz herausmerken kann. Ebensowenig ist ihm zuzutrauen, daß er sich 8,19 auf den herrschenden, 8, 20 auf den griechisehen Standpunkt stellt: er würde dann mit den Worten p.uXXov §£ das Vorhergehende nicht formal verbessern, sondern inhaltlich zurücknehmen, hätte also jenen Vers nicht stehen lassen dürfen2. Ich glaube vielmehr, daß der Schriftsteller unter dem Ich des V. 19 dem allgemeinen Sprachgebrauch gemäß, dem er natürlich auch sonst folgt, den Menschen als Körper plus Seele versteht3; von beiden Teilen wird die edputa4 ausgesagt, die die Voraussetzung für die von dem Betenden erflehte Gabe der Weisheit bildet. Dagegen versteht V. 20 unter dem Ich nur die Seele, die also jetzt nicht neben dem Körper als Besitz des Bedenden, sondern als selbständige Bewohnerin des Leibes zu bezeichnen ist. V. 20 gibt demnach eine exaktere Fassung des V. 19 ausgesprochenen Gedankenss, die, so gewiß sie unter griechischem Einfluß erfolgte, auch dem jüdischen Leser verständlich sein mußte, der ja das Attribut der Gottebenbildlichkeit (vergl. Gen. 1, 27) nur auf den Geist des Menschen 1 Daß Vorstellungen, wie die von der Präexistenz des Messias oder gar von der Existenz eines himmlischen Jerusalem (Harnack, Dogmengeschichte I4 5, 1909, 115 ff.) mit dem Glauben an das vorirdische Dasein jeder Menschenseele nichts zu tun haben, möchte ich doch ausdrücklich betonen, da Harnack 797 ff. den Umfang des jüdischen Präexistenzglaubens erheblich zu überschätzen scheint. Auf einige Spuren dieses Glaubens frühestens aus der Zeit um 130 n. Ohr. verweist Harper, American journal of theology XII (1908), 101 ff. 3 Lagrange, .Revue biblique 4 (1907) 87 macht darauf aufmerksam, daß sich der Ausdruck V. 19 auch auf dem Boden des Präexistenzglaubens erklären ließe, also unklar bliebe, worin die von dem Vf. gewollte Verbesserung besteht. 3!Nicht den Körper (Lagrange 89), da dann V. 20 eine erhebliche sachliehe Verbesserung enthielte. 4 Den Ausdruck braucht Platon gern im Sinne der Empfänglichkeit für Belehrung (Staat 409 E; Prot. 827 C). Ueber sein Vorkommen in der älteren Stoa vgL Dyroff, Ethik der alten Stoa 201 ff.; auf P. weist Plut. De gen. Socr. 588E (Bock, Münch. Diss. 1910, 32) und das vielfache Vorkommen bei Philon (Siegfried, Philo von Alexandrien 269 ff, Apelt 124); vielleicht auch Cic. Off. III 14 ingenii bonitas; Sen. Ep. 76, 30 animus indolis bonae; 95, 36 felix ingmium; auch Off. I 108 (bonitate vitae, wohl nach Panaitios) scheint der Ansdruck vorzuschweben. 5 So drückt Seneca Ep. 73, 16 dem ad hominea venit; immo, quod eat propius in homines venit einen Gedanken des P. (s. o. S. 118, 1) zuerst der allgemeinen!Redeweise gemäß, dann (unter Benutzung der Lehre von der Identität des Daimon in uns und außer uns) wissenschaftlich aus. XIV