Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1919 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- – (sequence 55)
- Language
- German
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56 metaphysische Unterbauung des empirischen Tatbestandes für notwendig zu halten und sehen in Bergsons Metaphysik des Lebens, den ebenso kühnen wie großartigen Versuch, nach Jahrzehnten einer mechanistischen Metaphysik der Natur und des Geistes, Natur und Geist aus ihrer Erstarrung zu befreien und als einheitlichen Strom schöpferischen Werdens zu erfassen. So gewiß noch stets aus der Methode der Wissenschaft selbst eine Meta״ physik erwuchs, ist es an der Zeit, die mechanistische Metaphysik als solche zu erweisen und, soll der Idealismus sein Fundament im Naturbegriff nicht verlieren, die Natur selbst als geistesverwandt, als willensartiges, schöpferisches Werden zu enthüllen. Schopenhauer, Fichte, Schleiermacher, Nietzsche, Simmel, Eucken arbeiten an diesem Problem. Indem so Bergson der deutschen idealistischen Philosophie tief verbunden ist, von zeitgenössischen Philosophen vor allem Nietzsche ihn in Atem hält, stehen ihm von französischen Denkern besonders Boutroux, Fouille, Gyeau, von Künstlern Rodin und Romain Rolland nahe. Es ist der unerschütterlieh tiefe Glaube an das Leben, an seine ewig schöpferische Kraft, die der gemeinsame seelische Grund ihres Schaffens ist. Im Darwinismus, Lamarckismus, Bergsons Evolutionismus wird um eine solche Grundlegung der Biologie gerungen, die den Tatsachen des organischen, des seelischen und des Kulturlebens gerecht wird, wie der Mensch dem Reich der Natur und dem Reich des Geistes angehört. Je nach der Stellungnahme im Anorganischen, Psychologischen und Kulturellen entfaltet sich Methode und Metaphysik der Erkenntnis des Lebens zur Analogie der anorganischen Erkenntnis im Darwinismus, der psychologischen Erklärung im Lamarckismus, der Intuition in das schöpferische Wesen der Seele in Bergsons Evolutionismus. Je nach der Voraussetzung einer mechanistischen oder idealistischen Weltansicht gestaltet sich der Begriff des Lebens. Dies erweist auch die Methode der Forschung als durch die Willensrichtung bestimmt. Subjekt der Wissenschaft ist der Mensch nicht nur als denkendes, sondern auch als wollendes, wertendes und fühlendes Wesen. Wie sehr wissenschaftliche Geltung auf der Kraft der Beweise beruht, liegen auch den Beweisen letzthin Überzeugungen zugrunde; bringt die mathematisch-mechanische Betrachtungsart des Lebens die rationalistisch-technische Einstellung auf das Leben zur Geltung, so geht die theoretische Anerkennung einer schöpferischen Entwicklung des Lebens in der Richtung der religiösen Metaphysik.