Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1919 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- – (sequence 54)
- Language
- German
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55 Vorgänge, vom Leben aber gibt er, und behauptet er auch nur, ein Übersetzen in Begriffe des Leblosen zu geben. Er schreitet den Gegenstand ringsum ab, indem er von außen so viele seiner Ansichten als nur irgend möglich aufnimmt; er zieht ihn zu sich herüber, statt bei ihm einzukehren. Ins Innere des Lebens selber dagegen würde die Intuition, der iminteressierte, seiner selbst bewußt gewordene Instinkt führen, er, der fähig wäre,über seinen Gegenstand zu reflektieren und ihn ins Unendliche zu erweitern. Daß eine Anstrengung solcher Art nicht unmöglich ist, das beweist das Dasein des ästhetischen Vermögens neben der normalen Wahrnehmung des Menschen. Der Künstler reißt durch eine Anstrengung der Intuition die Schranke nieder, die der Raum zwischen ihn und sein Modell schiebt. Zwar ergreift diese ästhe־־ tische Intuition nur das Individuelle. Denken aber könnte man auch ein im gleichen Sinn orientiertes Suchen, das sich das Leben als Ganzes als Gegenstand wählte, das Leben, das nicht ein starres Nebeneinander, sondern Kontinuität, Entwicklung, Dauer, Schöpfung ist. Schluß. Es dürfte kaum einen Satz dieses Bergsonschen Systems geben, gegen den nicht die verschiedensten wissenschaftlichen Theorien gemeinsam Einspruch erheben würden. Seine Psycho- Togie wird von Mechanisten, Parallelisten, Assoziationspsychologen abgelehnt, seine Erkenntnistheorie als Pragmatismus für ungeeignet erklärt, die autonome Geltung der Erkenntnis unabhängig von ihrer Nützlichkeit zu erfassen; seine intuitive Metaphysik überschreitet das Feld empirisch fetsteilbarer Zusammenhänge durch die Hypothse einer irrationalen, schöpferischen Triebkraft des Lebens, die sowohl den wissenschaftlich notwendigen Zusammenhang der physikalischen Phänomene zu durchbrechen tendiert, als selbst nicht zur Aufhellung des kausalen Zusammenhanges der Erscheinungen beizutragen geeignet scheint. Ein Neo-Vitalismus künstlerischen Ursprungs, eine glänzende Umformung Aristotelischer, Schellingscher, Schopenhauerscher, Nietzschescher Metaphysik droht an Stelle der wissenschaftlichen Biologie die Epoche romantischer Naturphilosophie zu erneuern. So gewichtig und bedeutsam manche dieser Einwendungen sind und so gewiß die Biologie nicht aufhören wird und darf, an ihrer Methode empirischer Forschung festzuhalten, stehen wir nicht an, das Wagnis dieser idealistischen Naturphilosophie, die