Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1919 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- – (sequence 51)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2720904-2721027--50-2726149- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
52 Tieres. Während sich das Tier zu immer freierer Ausgabe diskontinuierlicher Energie fortentwickelte, hat die Pflanze mehr ihr System der Energieansammlung auf der Stelle vervollkommnet. So treibt der in Garbenform entfaltete Entwicklungsprozeß Elemente, die sich zuerst bis zur Verschmelzung ergänzten, im Maße ihres gleichzeitigen Wachstums auseinander. Die Entwicklung des Tieres besteht in der immer größer werdenden Freiheit und Bestimmtheit seiner Bewegungen. Dem entspricht die bevorzugte Stelle, die das Nervensystem, das Zentrum der Bewegungsleitung, im tierischen Organismus hat. Allerdings müssen mit der Vervollkommnung der nervösen Funktion auch die anderen zu ihrer Unterstützung bestimmten Funktionen sich entwickeln. Dies der Grund, weshalb die Kompliziertheit der höheren Organismen ins Grenzenlose geht. Nichts desto weniger hat diese Kompliziertheit einen Mittelpunkt: Das System nervöser Elemente nämlich, das zwischen den sensorischen Organen und dem Bewegungsapparat ausgespannt ist. Ist es die Rolle des Lebens überhaupt, Indeterminiertheit, Freiheit in die Materie zu tragen, so ist das Nervensystem das wichtigste Instrument des Lebens, um der Aktivität des Bewußtseins Herrschaft über die Materie zu geben. Denn ein nervöses System mit seinen aneinander gereihten Neuronen, an deren Ende jedesmal mannigfache Wege sich auf tun, ist ein wahres Reservoir von Indeterminiertheit. So ist es das Eigentlichste des Lebensantriebs, was zur Schöpfung solcher Apparate gedrängt hat. Aus dieser Linie der Entwicklung darf aber nicht Gradlinigkeit des Entwicklungsfortschritts gefolgert werden, wie der Finalismus dies tut. Wohl ist das Leben als Ganzes Bewegtheit schlechthin, seine Einzeldarstellungen aber nehmen diese Bewegtheit nur widerwillig auf und bleiben stets hinter ihr zurück. Seinem Wesen nach, d. h. als Übergang von Art zu Art angeschaut, ist das Leben stetig wachsende Tat, jede Art aber, durch welche das Leben geht, zielt bloß auf ihre Bequemlichkeit. Darum ist die Lebensbewegung oft entgleist und was bloßer Durchgangspunkt sein sollte, ist ihr zum Endziel geworden. Eine Gefahr belauerte die Entwicklung der Tiere: Die Ein- Sperrung des Tieres in eine mehr oder weniger harte Hülle, die seine Bewegung hemmen, ja oft lähmen mußte. Zum Schutz gegen feindliche Angriffe zog sich das Tier hinter seinen Panzer zurück, der aber mit der Behinderung der Bewegung auch die Dumpfheit brachte, in der Echinodemen und selbst Mollusken