Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1919 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- – (sequence 48)
- Language
- German
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49 Allmacht der mechanischen Methode zu glauben, so sind Histologen, Embryologen, beschreibende Naturforscher weit davon entfernt, mit der Bereitwilligkeit des Physiologen den physikalischchemischen Charakter der Lebensprozesse anzuerkennen. Ebensowenig wie der Mechanismus ist aber der Finalismus geeignet, eine Theorie des Lebens zu bieten. Die Zweckmäßigkeitslehre in ihrer extremen Form, wie wir sie etwa bei Leibniz finden, besagt, daß Dinge und Wesen bloße Verwirklichungen eines ein für alle Mal festgelegten Programms sind. Gibt es aber nichts Unvermutetes, keine Erfindung und keine Schöpfung im All, so gibt es wieder keine wahre Entwicklung, keine Dauer, keinen einheitlich schöpferischen Charakter des Lebens. Auch dem Finalismus ist wie dem Mechanismus alles gegeben, nur daß die treibende Kraft in der Zukunft liegt, die aber bereits ideell fertig und abgeschlossen ist. Der Finalismus ersetzt nur den Impuls der Vergangenheit durch die Anziehungskraft der Zukunft. Ganz gewiß also, daß der Darwinismus das Leben zum mechanischen Zufall macht und somit den Eigencharakter des Lebens vernichtet. Dies zu tun, ist ja seine methodische Absicht, wie wir ausgeführt haben. Aber auch der Lamarckismus faßt das Prinzip wahrhafter Entwicklung, wie sehr er es schon als psychologisches Prinzip erkennt, zu flach, wenn er es nur als individuelle Anstrengung des einzelnenOrganismus definiert. Die Schwierigkeiten, denen diese Theorie anheimfällt, sind gleichfalls dargelegt worden. Söll mit dem Prinzip wahrer Entwicklung, wie es uns die Selbsterkenntnis erschlossen hat, Emst gemacht und die Einheit des Lebens als wahre Entwicklung erfaßt werden, so muß es gewagt werden, das Ganze des Lebens als Entfaltung einer einheitlichen Willensenergie, einer ״Lebensschwungkraft“ zu begreifen. Ist das Leben in seiner Berührung mit der Materie einem Impuls oder einer Schwungkraft vergleichbar, so ist es, an sich geschaut, ein Unermeßliches von Möglichkeiten, ein Ineinandergreifen von unzähligen Tendenzen. Die Materie erst zerlegt diese Tendenzen und versucht sie in verschiedenem Grade zu realisieren. In diesem Sinne ist die Individuation des Lebens halb Werk der Materie, halb Wirkung dessen, was das Leben in sich trägt. Die Artreihen stellen die Gabelungen des Lebens, die Auseinanderfaltung seiner verschiedenen Tendenzen dar. Daß Anpassung an das Milieu die notwendige Bedingung der Entwicklung sei, soll keineswegs geleugnet werden. Zu offenkundig, daß Arten, die sich den gesetzten Existenzbedingungen nicht