Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1919 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- – (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2720904-2721027--46-2726145- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
48 Nun ist es die Bedeutung des Gehirns als des nervösen Zentrums, das Seelenleben des Menschen in unmittelbaren Zusammenhang mit der Umwelt zu setzen. Nicht als wenn das Gehirn der Behälter des Geistes wäre, sondern durch Zuführung von Reizen und Ausführung von Bewegungen stellt das Gehirn den Kontakt zwischen Seele und Wirklichkeit her, gibt es dem seelischen Leben die Richtung der Aufmerksamkeit auf das Leben. Es ist also nicht die Aufgabe des Gehirns, Erkenntnis, sondern Handlungen zu vermitteln. Sein einziger Zweck ist, Bewegungen aufzunehmen oder wieder abzugeben. Es bildet nur den Anfang oder die Fortsetzung von Bewußtseinsvorgängen, ist also nur ein Werkzeug, dessen sich der Geist zum Zweck des Handelns bedient . Der Geist ist dem Körper gegenüber eine selbständige, neue, eigenartige Wirklichkeit, die Wirklichkeit des Gedächtnisses, der Dauer. c) Schöpferische Entwicklung. Welches Licht fällt von der Erkenntnis des menschlichen Organismus auf die Welt der Organismen überhaupt? Ist es möglich, die von dem Deszendenzgedanken ausgesprochene Einheit alles Lebendigen so aufzufassen, daß der menschliche Organismus in seiner Eigenart sich als Produkt der allgemeinen, Lebensentwicklung ergibt? Soll dies der Fall sein, dann darf die mechanische Theorie des Lebens nicht zu recht bestehen. Haben Physik und Chemie recht, das Leben als mechanischen Naturprozeß aufzufassen, dann kann auch der menschliche Organismus nicht anders als Maschine betrachtet werden. Ist aber der menschliche Organismus ein Zentrum der freien Aktivität und soll eine Einheit des Lebens bestehen, so darf Leben überhaupt nicht anders als Prinzip willensmäßiger Aktivität definiert werden. Nun haben alle mechanischen Erklärungen des Lebens bisher nur die Abfallprodukte des Lebens nachgebildet, die eigentlich aktiven plastischen Substanzen blieben der Synthese unzugänglich. Von den beiden im lebenden Organismus feststellbaren Erscheinungsreihen, der Anagenese einerseits, der Katagenese andererseits, ist es die Rolle der Anagenese, die niederen Energien durch Assimilierung der anorganischen Substanzen auf ihre eigene Stufe emporzuheben, während die katagenetische Reihe das Sinken der Energie darstellt. Lediglich aber die Vorgänge katagenetischer Ordnung bieten der Physik und Chemie eine Handhabe, nur Totes also, nicht Lebendiges. Ist der Physiologe, der sich mit den Funktionierungen des Lebewesens befaßt, geneigt, an die