Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1919 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- – (sequence 46)
- Language
- German
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47 wir, daß Dasein für ein bewußtes Wesen darin besteht, sich zu wandeln, sich zu wandeln, um zu reifen; zu reifen, um sich selbst unendlich zu erschaffen. Diese konkrete Entwicklung der Seele ist es, was ihre Dauer bedeutet. Im Gegensatz zu der abstrakten Zeit der Physik, die das Geschehen in gleiche Zeitteile zerteilt, um in der Zuordnung von Raum- und Zeitteilen die Ansatzpunkte der Berechnung der Bewegungsbahn zu haben. Nicht die stattfindende Bewegung zu erfassen, sondern die kontinuierlich erreichten Punkte der Bewegungsbahn rechnerisch zu bestimmen, ist das Ziel der Physik. Die Bewegung selbst wird zur Strecke der zurückgelegten Bewegung oder zur Richtung des Punktes in einem fixierten Moment, so daß Vergangenheit und Zukunft der Bewegung aus ihrem Jetzt berechnet werden können. Die Kontinuität der seelischen Entwicklung ist eine grundsätzlich andere als die Kontinuität der physikalischen Bewegung. Sie entzieht sich der Berechnung, ist schöpferisch. Aber auch der mit der Seele zusammen wirkende menschliche Organismus besitzt wie diese eine wahre, wirkliche Entwicklung. Er setzt sich aus heterogenen Teilen zusammen, die sich gegenseitig ergänzen, er führt verschieden geartete Funktionen aus, die sich gegenseitig voraussetzen. ״Er ist ein Individuum, das eine Geschichte hat. Ja, im Grunde sind Reife und Alter Merkmale des Körpers, die in bildlicher Bedeutung auf die Entwicklung der Seele übertragen werden. Die Triebkraft, dank deren das Lebewesen wächst, sich entwickelt und altert, ist analog der Triebkraft der Entwicklung der Seele. Eine besondere Bedeutung im menschlichen Organismus wie dem der höheren Tiere hat das Nervensystem. J e höher entwickelt das Nervensystem ist, desto zahlreicher und sicherer die Bewegungen, welche Mensch oder Tier wählen. Infolgedessen sind die Emährungsverhältnisse im Organismus so geregelt, daß das nervöse System mit seinen sensorischen Organen und motorischen Apparaten bevorzugt ist, als ob die Wesensfunktion des gesamten Organismus nur darin bestände, ihm die nötige Energie zuzuführen. So besteht der höhere Organismus im wesentlichen aus einem auf Verdauungs-, Atmungs-, Zirkulations-, Sekretions-Apparaten usw. aufgesetzten sensorisch-motorischen System. Der menschliche Organismus ist also ein Zentrum der Aktivität, zugleich aber, dank der mannigfachen Bewegungen, die ihm sein Nervensystem ermöglichen, ein Zentrum der Freiheit.