Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1919 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- – (sequence 45)
- Language
- German
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46 Indem aber die Vergangenheit der Seele sich unablässig zur Gegenwart herabsenkt, es in ihr keine leeren Zwischenräume gibt, ist das Leben der Seele nicht in starre Elemente geteilt, nicht aus seelischen Atomen zusammengesetzt, die nur eine äußere Ordnung zu einander besitzen. Sondern die verschiedenen Zustände der Vorstellungen, Gefühle, Willensakte sind in ihrer festen Bestimmtheit künstliche Herauslösungen aus der Gesamtheit des stets bewegten, sich stets wandelnden, einheitlichen Ganzen des seelischen Lebens. Schon eine leise Anspannung der Aufmerksamkeit macht deutlich, daß keine Empfindung, keine Vor- Stellung, keine Wollung existiert, die sich nicht stetig wandelt. Nur bemerken wir die stete Wandlung für gewöhnlich erst dann, wenn sie groß genug geworden ist, um unser Interesse zu beschäftigen. Die offensichtliche Diskontinuität unseres psychischen Lebens rührt daher, daß unsere Aufmerksamkeit sich ihm in einer Reihe diskontinuierlicher Akte zuwendet. In Wirklichkeit heben sich auch die plötzlich in unser seelisches Leben hereinbrechenden Ereignisse von einer Kontinuität des Grundes ab. Getragen sind auch die bestbeleuchteten Punkte unseres Seelenlebens von der flüssigen Masse, der wogehden Zone, wrelche alles umfaßt, was wir fühlen, denken, wollen, kurz alles, was wir in einem gegebenen Augenblick sind. Diese Gesamtzone ist es, die in Wirklichkeit unseren Zustand ausmacht. Von so definierten Zuständen aber darf gesagt werden, daß sie keine gesonderten Elemente sind, sondern einander in einem Fluß ohne Ende fortsetzen. Wie der Fluß des seelischen Lebens aber Vergangenheit und Gegenwart verbindet, kennt er kein Halten, ist ihm die Gegenwart keine starre Grenze, sondern schwillt das seelische Leben in Vorstellungen, Gefühlen, Willensakten, Zielen über die Gegenwart in die Zukunft über. Das Leben der Seele ist ein dauerndes Hinausgehen über jede Gegenwart, Fortsetzung und Steigerung ihres Vorrückens, der Wille zur Steigerung des Lebens. Leben ist Mehr-Leben. Je energischer und reicher ein seelisches Leben ist, um so mehr ist es nie am Ende seiner kontinuierlichen Wandiungen, sondern setzt sich seine Triebkraft in immer volleren, reicheren Bekundungen fort, führt die Entwicklung der Seetfe zu immer neuen, überraschenden Schöpfungen. Das Leben der Seele ist schöpferische Entwicklung. Eine Entwicklung, die nicht von vornherein ihr festes Ziel kennt, sondern eine immer neue Entwicklung der Tiefe, des Umfangs, der Reife. So finden