Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1919 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- – (sequence 44)
- Language
- German
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45 zukünftiges Handeln ermöglicht, sondern auch als Erkenntnis der organischen Natur? Müssen wir unser eigenes Ich, unser seelisches Leben dem mechanischen Schema unterstellen und auch hier nur mechanisch-assoziative Zusammenhänge von Bewüßtseinselementen annehmen? Haben wir nicht unserem Ich gegenüber die Möglichkeit einer unmittelbaren Selbsterkenntnis, die sich von jenem Schema der Trennung und künstlichen Zur sammenfügung femhält? Die Materie kann man definieren als Inbegriff des Berechenbaren. Ein Laplacescher Geist könnte aus einer gegebenen Lage der Raumteile in einem gegebenen Augenblick alle Vergangenheit und alle Zukunft berechnen. Vergangenheit und Zukunft sind in jedem Moment vollständig enthalten und können in einem System von Gleichungen jederzeit entwickelt werden. Das geistige Leben hingegen ist nicht berechenbar. Nicht allein die nicht vorauszusehenden Eingriffe ins Seelenleben von der Außenwelt her, sondern die Individualität jeden Seelenlebens ist was sie ist durch die ganze individuelle Vergangenheit, die ihr vorangegangen ist und sie zur Gegenwart dieses individuellen Lebens macht. Die Zeitreihe des Seelischen ist unumkehrbar, die Geschichte des Individuums ist sein Charakter, der in nicht zu berechnender Weise seine Zukunft bestimmt. Die Vergangenheit der Seele ist aber auch nicht ein starres Vorüber, sondern das Leben der Erinnerung, welche dauert und jeder Gegenwart ihre bestimmte Färbung, Eigenart und Tiefe gibt. Nicht allein ruft jede Wahrnehmung die ihr ähnliche Erinnerung wach, so daß die Handlung nicht nur die Reaktion auf die reine Wahrnehmung ist, sondern je besonnener die Handlung ist, um so mehr das Resultat der gesamten Erfahrung, wie sie in der Erinnerung lebt. Nicht allein strömt so die Vergangenheit der Seele in die jeweilige Gegenwart hinein mit den Einsichten, Enttäuschungen, Begriffen, Zu- und Abneigungen, die sie früher erlebt, gedacht, gefühlt, gewollt. Sondern die Erinnerungen behalten ihre bestimmte Färbung, die sie, abgesehen von ihrem objektiven Inhalt, einer bestimmten Zeit unserer Vergangenheit zuordnen, die Erinnerungen erhalten sich als individuelle Erlebnisse einer individuellen Seele. Neben dem aktiven Gedächtnis, das unsere Vergangenheit der Gegenwart nutzbar macht und unser zum Handeln gespanntes Bewußtsein erhellt, besitzen wir ein spontanes Gedächtnis, das sich in die eigene seelische Vergangenheit nachlebend verlieren kann. 1i