Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1919 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- – (sequence 43)
- Language
- German
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44 mit der Wirklichkeit zusammenstimmen kann, sondern unser empfindendes, wahmehmendes, fühlendes, denkendes, wollendes Ich gehört selbst der Wirklichkeit an. Das Ich ist von Anfang an nicht spekulativ, sondern zieht in seinen Empfindungen, Wahrnehmungen, Denken, Fühlen, Wollen die Wirklichkeit insoweit in sich hinein, als es für sein Leben nötig ist. Die Wahrnehmung ist nicht die objektive Grundlage interesseloser Betrachtung, sondern das Instrument, das dem Ich seine Erhaltung in der Umwelt sichert. Die Wahrnehmung ist nicht ein objektiver Spiegel der Dinge, auch nicht eine theoretische Konstruktion des Ich, sondern der Umriß, den unsere Bedürfnisse in die Wirklichkeit ziehen, die Skizze der von unseren Bedürfnissen erstrebten Handlungen. In der Wahrnehmung schneiden wir uns aus der Wirklichkeit die Stücke heraus, die zu unserem Streben, unseren Bedürfnissen, Interessen, Handlungen in Beziehung stehen. Die Gegenstände unserer Wahrnehmungen sind Grundlagen unseres Handelns und so geformt, daß sie Grundlage unseres Handelns werden können. Die Formen der Gegenstände — Raum, Zeit, Bewegung, Kausalität, Einheit, Vielheit — sind Formen unseres Geistes. Der Geist, das Denken aber ist von Anfang an Instrument des Willens und darum selbst so geformt, daß es das Handeln ermöglicht. Dem Handeln dient die räumliche und zeitliche Sonderung der Gegenstände zu einer distinkten Körperwelt, die Züsammenordnung der Eigenschaften zur Einheit des Gegen- Standes, die Interpretation der Veränderungen als Veränderungen der Lage, die Fixierung der räumlichen und zeitlichen Interwalle durch ihre Beziehung auf das unveränderliche Schema des absoluten Raumes und der absoluten Zeit. Die mathematischmechanische Naturerkenntnis, so sehr sie allen individuellen Interessen des einzelnen Forschers entrückt ist, hat ihre objektive Geltung in der durch sie erreichten Beherrschbarkeit der Natur. Die Physik ist die reinste Ausprägung der im Dienste des Lebenswillens stehenden Erkenntnis. Die mechanische Naturbetrachtung schafft die auf den menschlichen Lebenswillen bezogene Umwelt, das Bild der Wirklichkeit, das wir unserem Handeln zugrunde legen können, ohne in die Irre zu gehen. Dürfen wir aber die um des Handelns willen notwendige Mechanisierung der Wirklichkeit als die absolute Erkenntnis behaupten? Nicht nur als die Erkenntnis der anorganischen Natur, die sie doch wenigstens insofern sein muß, als sie uinser