Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1919 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- – (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2720904-2721027--38-2726137- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
40 Ein Hauptvorzug des Lamarckismus gegenüber dem Darwinismus liegt in der Anerkennung der Instinkte als psychologisch wirkender Faktoren und der Ablehnung der Reduktion der Instinkte auf mechanische Reflexe. Andererseits aber erklärt der Lamarckismus die Instinkte aus der psychologischen Anstrengung der Individuen, ihre Erhaltung unter den verschiedenen Lebensbedingungen zu sichern, faßt also die Instinkte als Gewohnheit gewordene intelligente Handlungen auf, erklärt die Instinkte aus der Intelligenz. So sehr es nun richtig ist, daß bei Menschen und höheren Tieren Willenshandlungen, die oft ausgeführt werden, allmählich den Charakter von instinktiven Handlungen erhalten können, ist es doch fraglich, ob so erworbene Instinkte vererbt werden. Vor allem aber ist die Erklärung des Instinkts aus der Intelligenz da unmöglich, wo der nötige Grad von Intelligenz nur schwer den in Frage kommenden Tieren zugesprochen werden kann. Oder sollte die Graswespe wie ein Entomologe die Struktur ihres Opfers kennen, um zu wissen, wo sie ihren Stachel einbohien muß, um ihre Beute nur zu betäuben, nicht zu töten. Zu schweigen von den Instinkten der Pflanzen. Aber auch die Übung, die oftmalige Wiederholung der Handlung, die das Gewohnheit- Werden der ursprünglich intelligenten Handlung und ihre Ver- Wandlung in eine instinktive Handlung erklären soll, fehlt bei den Instinkten, die von den Tieren nur einmal im Leben ausgeübt werden. So bei dem Instinkt, der die Raupe zwingt, ihren Kokon zu spinnen, den sie nur einmal im Leben spinnt, ohne ihn je gesehen zu haben. Daß die Lamarckistische Voraussetzung der Vererbung erworbener Eigenschaften umstritten ist, haben wir oben eingehend dargelegt. Erfolgt aber die Vererbung von Keim zu Keim und nicht von Organismus zu Organismus mittels des Keimes, dann entfällt die bewußte individuelle Leistung als Ursache der Entwicklung der Arten. Ein sehr bedeutsames Argument gegen die Lamarckistische, wie selbstverständlich gegen die darwinistische Entwicklungstheorie bietet endlich die Systematik. Gerade diejenigen Formeigenschaften, welche für das Leben der Individuen indifferent erscheinen, werden mit der größten Zähigkeit erblich festgehalten, so daß die gesamte Systematik sich gerade auf diese Merkmale in erster Linie stützen muß. So entziehen sich gerade die Organisationsmerkmale. wie die Zahl und Stellung der Staubgefäße, sowohl der darwinistischen Selektion, als dem Lamarckschen Prinzip