Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1919 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- – (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2720904-2721027--37-2726136- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
39 die nur durch ihr Dasein, nicht durch eine wirkliche Tätigkeit dem ,Organismus von Nutzen sind, so daß sie nicht auf Übung, somit auch nicht auf Vererbung erworbener Eigenschaften bezogen werden können. Dieser passiv wirkenden Eigenschaften gibt es selbst bei Tieren zahlreiche: die Färbung der Tiere, die Skeletteile der Gliedertiere, die fertig sind, ehe sie gebraucht werden und im Gebrauch infolge ihrer Härte nicht mehr plastisch sind, also nicht mehr abgeändert, höchstens abgenützt und verstümmelt werden können. Bei den Pflanzen wirken alle die mannigfachen Schutzvorrichtungen wie Domen, Borsten, Haare, der Wollpelz gewisser Blätter, die Schale der Nüsse, die fetten Öle in den Samen, die so vielgestaltigen Flugvorrichtungen der Samen usw. durch ihr bloßes Dasein, nicht durch eine wirkliche Tätigkeit, die sie verändern und deren Erfolg sich vererben könnte. Desgleichen gibt es Coadaptationen, ein Zusammenstimmen der Teile, in denen der Lamarckismus eine Hauptstütze seiner Theorie sieht, nicht nur bei aktiv, sondern auch bei passiv funktionierenden Teilen. Als Hauptbeispiel dienen wieder die Gliedertiere. So bietet die so sehr verschiedene, aber immer zweckentsprechende Dicke des Chitinskeletts an den verschiedenen Stellen desselben Tieres einen Fall der Zusammenstimmung rein passiv funktionierender Teile. Es gibt aber auch viele einzelne Funktionen der Gliedertiere, deren Ausübung auf der gleichzeitigen Abänderung mehrerer Skeletteüe beruht, z. B. viele der Sing-Schreiapparate der Insekten, die vielgestaltigen Einrichtungen zum Reinhalten der Fühler, die Beine und sonstigen Gliedmaßen, die für die verschiedensten Funktionen hergerichtet sind und zusammen stimmen müssen. Andere noch kompliziertere Beispiele harmonischer Zusammenpassung passiv funktionierender Teile liefern die Zeichnungen der Tiere, z. B. des Schmetterlingsflügels. Es gibt zahlreiche Schmetterlingsflügel, deren Fläche ganz verschiedenartige Farben und Farbennüancen auf ihren verschiedenen Partienen aufweisen und zwar derart, daß sie zusammen ein Bild geben, das Bild eines Blattes, einer Rinde, eines mit Flechten bewachsenen Steines, eines Auges usw. Und wie bei passiv zusammenstimmenden Teilen, die also nicht durch Aktivität entstanden sein können, kommen Koadaptationen bei Tieren vor, die sich nicht fortpflanzen können und so die Vererbung erworbener Zusammenstimmungen nicht möglich ist, z. B. bei den Arbeitern der Ameisen und Bienen.