Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1919 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
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35 vorherrschenden Gebrauchs oder konstanten Nichtgebrauchs eines Organs erwerben oder verlieren, wird durch die Fortpflanzung auf die Nachkommen vererbt, vorausgesetzt, daß die erworbenen Veränderungen beiden Geschlechtern, oder denen, welche diese Nachkommen hervorgebracht haben, gemein seien. So faßt der Lamarckismus die Anpassung im Gegensatz zum Darwinismus als individuelle Anstrengung des Organismus im Dienste seiner Erhaltung auf, geht die Entwicklung der Art aus der Aktivität der Organismen hervor. Während aber das erste Gesetz Lamarcks von der Stärkung der Organe durch ihren Gebrauch und ihrer Verkümmerung durch ihren Nichtgebrauch unbestritten ist, gilt nicht das Gleiche von dem 2. Gesetz, der Vererbung erworbener Eigenschaften, welches vielmehr einen hervorragenden Gegenstand des Streites zwischen Darwinismus und Lamarckismus bildet. Dieser Diskussion müssen wir daher in den wesentlichsten Zügen folgen. b) Vererbung erworbener Eigenschaften. Berühmt ist die um die Vererbung erworbener Eigenschaften zwischen Spencer und Weismann geführte Polemik. Spencer hält die Vererbung erworbener Eigenschaften für den wichtigsten Faktor der Entwicklung, insbesondere der höheren Tiere. Freilich sind nicht alle erworbenen Eigenschaften erblich. Je länger ihre Erwerbung zurückliegt, um so fester wurzeln sie im Organismus und je jünger sie sind, desto leichter können sie wieder verschwinden. Deshalb vererben sich Eigenschaften, die langsam im Laufe vieler Generationen erworben wurden, leichter als junge, rasch erworbene Merkmale. Durch Vererbung erworbener Eigenschaften sind nach Spencer die zahlreichen Geschmacksnerven der Zunge entstanden. Desgleichen zeigt die Verteilung der Tastkörperchen, daß sie an jenen Körperstellen am dichtesten sind, die am häufigsten mit Gegenständen in Berührung kommen. Weitere Belege sind die enorme Entwicklung des Tastsinns bei Blinden, Schriftsetzern und andrerseits die Rückbildung der kleinen Zehe beim Menschen infolge seines aufrechten Ganges. Weismann hingegen deutet alle diese Erscheinungen als verursacht nicht durch somatische Veränderungen, sondern durch Veränderungen des Keimplasmas, die somatogene Veränderungen nach sich ziehen. Der Keim enthält die Anlagen für alle Formen und der bestimmte Reiz, Qualität der Nahrung, Licht, Wärme