Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1919 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
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31 Theorie der Orthogenese, wie sie besonders von Eimer und Cope entwickelt worden ist, setzt an Stelle der Darwinistischen Theorie der Entstehung der Arten aus richtungslosen Variationen, die bestimmt gerichtete Entwicklung der Arten. Und wie von der Orthogenese die Voraussetzung der zufälligen, richtungslosen Variation, wird von der Mutationstheorie die andere Darwinistische Voraussetzung der Summierung der unbedeutenden Variationen als Grundlage der Artenentwicklung abgelehnt. Hatte die Empirie der künstlichen Züchtung bereits ergeben, daß die Summierung unbedeutender Variationen nur bis zu einer gewissen Höhe gesteigert werden kann und die geringste Nachlässigkeit in der Vorsicht der Absonderung den Rückfall bringt, so war die Darwinistische Theorie der Entstehung der Arten aus der Summierung solcher Variationen schon hierdurch unwahrscheinlich geworden. Es kommt hinzu, daß der Darwinismus die ständige Variation der Arten voraussetzt. So wenig aber auch die Arten starr unveränderlich sind, sind sie doch von bedeutender Konstanz, die eben auch die Klassifikation der Arten ermöglicht. Wie soll diese Konstanz der Arten mit der Veränderung als Ursache der Entstehung der Arten vereinigt werden? Die Mutationstheorie, die vor allem von Hugo de Vries experimentell begründet worden ist, antwortet dadurch, daß die Arten nicht durch kontinuierliche, unbedeutende, sondern durch periodische, sprunghafte Variationen entstehen. Die Tatsache der sprunghaften Variation, durch welche neue konstante Arten entstehen, bewies de Vries an Oenothera Lamarckiana und wurde von anderen Forschem durch andere Beispiele vielfach bestätigt. Dann aber ist die Entstehung der Arten unabhängig von den unbedeutenden Variationen, *die keine artbildende Kraft haben, aus den aus inneren Ursachen hervorgehenden sprunghaften Variationen der Organismen zu erklären. Diese Ursachen verlegt de Vries in die Vorgänge im Keimplasma und schließt sich hier der Weismannschen Determinantentheorie an. Deren wenig mechanistischen Charakter haben wir geschildert. Die Ursachen, aus denen die sprunghaften Veränderungen periodisch einsetzen und nachlassen, sind nicht bekannt. Jedenfalls aber erschüttert die Mutationstheorie wie die Orthogenese das Dogma von der artbildenden Kraft der Selektion. Die Arten gehen aus bestimmt gerichteten Variationen hervor, die entweder so bedeutende Größe haben, daß sie neue Arten bilden, oder durch mehrere