Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1919 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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29 kleinen Variationen. Im ersteren Falle sind die Änderungen bereits zweckvoll und vermag der Kampf ums Dasein besten Falles die Erhaltung der zweckmäßigen Änderung, nicht aber die Entstehung des Zweckvollen zu erklären. Oder die Änderungen sind, wie der Darwinismus meint, unbedeutend klein, dann ist nicht zu verstehen, wie solche unbedeutende Änderungen von entscheidendem Auslesewerte sein sollen. Ein wesentlicher Unterschied zwischen der künstlichen und natürlichen Zuchtwahl besteht sodann darin, daß ein Züchter ein einzelnes Merkmal herausgreift und von den anderen absondert, die Art also im wesentlichen nur in Bezug auf dieses einzelne Merkmal abändem kann. Die Natur vermag keine solche Absonderung vorzunehmen, so daß die Variationen in den verschiedensten, oft einander entgegengesetzten Richtungen erfolgen und vielfach einander aufheben. Es muß also eine Variation schon ganz besonders nützlich sein, um sich unter solchen Verhältnissen zu erhalten. Die Selektionslehre setzt die Nützlichkeit der Variationen derart als entscheidendes Ausleseprinzip fest, daß jedenfalls alle Eigenschaften der Organismen als ihnen nützlich angesehen werden müssen. Insbesondere fußt der Darwinismus auf der Schutzbedeutung des Mimikry. Gerade hier aber gehen die Ähnlichkeiten mit der Umgebung oder den nachgeahmten Arten in Zeichnung, Farbe, Form, Gestalt vielfach so ins Kleinste, das nicht eingesehen werden kann, welchen Nutzen diese peinliche Ähnlichkeit haben kann. Und wie der Nutzen eine obere Grenze hat, hat die Schädlichkeit eine untere Grenze, unterhalb welcher, sie aufhört. Daher ist die fortschreitende Rückbildung überflüssiger Organe auch unterhalb dieser Schädlichkeitsgrenze vom Selektionsprinzip aus nicht zu verstehen. Desgleichen werden gerade indifferente Merkmale von den Arten mit solcher Zähigkeit festgehalten, daß gerade auf ihnen die Systematik der Arten aufgebaut ist. Die Annahme, daß die bessere Organisation auch die günstigere Aussicht bietet, im Kampfe ums Dasein siegreich zu bleiben, läßt aber vor allem außer Acht, daß die meisten den Arten drohenden Gefahren eine Berücksichtigung der Organisationsmerkmale gar nicht zulassen. So sind Hungersnot, Überschwemmung, Seuchen entscheidende Katastrophen, für welche Organisationsunterschiede nicht von Bedeutung sind. Nicht Organisationsunterschiede, sondern Situationsvorteile entscheiden in