Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1919 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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26 ihre selbständige Forschungsmethode und nicht zuletzt durcii die erkenntnistheoretische Arbeit der Philosophie schwand auch in den Kreisen der Naturwissenschaftler der naturwissenschaftliche Dogmatismus. Es mehrten sich die Stimmen der Naturforscher, die in Leibniz-Kantischem Geiste die Methode der anorganischen Naturwissenschaft als point de vue, als wissenschaftliche .Betrachtungsart erkannten, ohne damit ihre metaphysische Geltung zu behaupten. Und nun war Raum für die Fragestellung, ob die mechanistische Betrachtungsart auch für das Ganze der Natur geeignet ist, ob sie imstande ist, allen Naturerscheinungen, geschweige der gesamten Wirklichkeit auch des seelischen und kulturellen Lebens gerecht zu werden. Ist dies für das Bereich der anorganischen Naturwissenschaft wohl unbestritten, so erhebt sich um so intensiver der Widerspruch gegen die Übertragung der Methode der anorganischen Naturwissenschaft auf die Erkenntnis der organischen Natur. Ed. v. Hartmann, Spencer, Gustav Wolff, Kassowitz, Pauly, Piepers, Driesch sind wohl die bedeutendsten Vorkämpfer einer selbständigen methodischen Grundlegung der organischen Naturerkenntnis. Dabei wendet sich der Widerspruch nicht gegen den Ent- . wicklungsgedanken, der dank dem Darwinismus zur allgemeinen wissenschafthchen Anerkennung gelangt ist. Sondern gegen das mechanistische Schema des Selektionsprinzips, das vom Darwinismus der Entwicklung der organischen Natur zugrunde gelegt wird. Nicht der Entwicklungsgedanke, sondern die Darwinistische Theorie der Entwicklung war der Gegenstand der wissenschaftlichen Opposition. Das Eigentümliche der Darwinistischen Theorie liegt darin, daß sie die Zweckmäßigkeit der Organismen und ihre Entwicklung als mechanisch notwendiges Produkt zu erweisen sucht. Variierung, Vererbung, Überproduktion, Auslese des Besseren sind die Tat- Sachen, aus denen die Entwicklung der Arten sich ergeben soll. Vermag der Darwinismus dies zu erweisen?*) Wenn der Darwinismus auf der Tatsache der Variierung der Organismen aufbaut, um aus dieser das allmähliche Entstehen der Arten deutlich zu machen, dann ist dieser Ausgangspunkt nur dann voräussetzungslos, wenn die Variationen als zufällige d. h. richtungslose und quantitativ und qualitativ unbedeutende *) Vgl. zum Folgenden Ad. Wagner: Gesch. des Lamarckismus. Kap. ILf.