Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1919 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2720904-2721027--22-2726121- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
24 geschaffen sein, wenn auch noch immer kein experimenteller Beweis. ״Denn totes Eiweiß ist zwar dem lebenden noch nahe verwandt, aber eben das Leben mangelt ihm, und wir wissen bis jetzt nicht, welcherlei chemische Unterschiede zwischen totem und lebendem Eiweiß obwalten, ja wir müssen ehrlich eingestehen, daß es nur eine Annahme ist, wenn wir lediglich chemisch-physikalische Unterschiede zwischen beiden voraussetzen. Beweisen läßt es sich bis zur Stunde nicht, daß in dem lebenden Protoplasma nicht noch eine andere, unbekannte Kraft steckt, ein ״vitalistisches“ Prinzip, eine ״Lebenskraft“, an deren Tätigkeit eben gerade die spezifischen Erscheinungen des Lebens, vor allem der ewig sich wiederholende Prozeß von Verbrennung und Wiedererzeugung der Lebenssubstanz, die Dissimilitation und Assimilation, das Wachstum und die Vermehrung hängt. Ebenso wenig aber läßt sich das Umgekehrte beweisen, daß es unmöglich die chemisch-physikalischen Kräfte allein sein können, welche das Leben in einer ganz besonders zusammengesetzten chemischen Substanz hervorrufen.“ (Weismann II, S. 309.) Auch hier aber ist es Aufgabe der Biologie als Naturwissenschaft, die mechanische Lösung des Problems anzustreben nach dem Grundsatz, daß die Naturforschung unbekannte Kräfte erst da annehmen darf, wo sie mit den bekannten nachweislich nicht auskommt. So ist die Urzeugung eine regulative Maxime der Naturwissenschaft. Selbst dann aber, wenn es gelänge, den Chemismus des Lebens zu erweisen und die Lebensvorgänge aus anorganischen abzuleiten, selbst dann bleiben die ״animalen“ Funktionen der lebenden Substanz noch unerklärt, Empfinden, Wollen, Denken. ״Gewiß liegt die Abhängigkeit des Denkens und Wollens vom materiellen Substrat klar vor und kann nach vielen Richtungen hin sichergestellt werden, —-aber begriffen haben wir das Zustandekommen des Denkens und Wollens damit nicht.“ (Weismann II, S. 328.) So bilden Bewußtsein, Empfindung, Denken und Wollen für den Darwanismus die Grenzen der biologischen Erkenntnis. Indem der Darwinismus trotz der wachsenden Schwierige keiten die mechanische Theorie der organischen Natur durchzuführen suchte, wird zugleich deutlich, wie wenig eine wissenschaftliche Theorie nur eine Sammlung von Tatsachen bedeutet, daß sie auch nicht eine bloße Beschreibung der beobachteten Koexistenzen und Sukzessionen ist, sondern daß sie den ursächliehen Zusammenhang der Erscheinungen durch zugrunde gelegten Hypothesen zu erfassen sucht. Die Hypothese des Darwinismus