Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1919 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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20 Der Lamarckismus behauptet, daß die Instinkte vererbte Gewohnheiten und so willenmäßigen Ursprungs seien. Der Darwinismus hingegen hält auch hier an der mechanistischen Auffassung des Organischen fest und sieht in den Instinkten, zum mindesten in den Instinkten der niederen Tiere nur komplizierte Reflexe, die durch Sinneswahmehmungen ausgelöst werden. Zwischen dem Reflexmechanismus, d«r das Augenlid beim Anblick eines gegen das Auge fahrenden Gegenstandes schließt, und dem Auffliegen der Fliege beim Anblick eines sich nähernden Handschattens besteht nur ein gradueller Unterschied, indem die reine Reflexhandlung von geringerer Kompliziertheit, kürzerer Dauer ist und nicht ins Bewußtsein fällt. Die Handlung der Fliege kann ebensowohl als Reflexwie als Instinkthandlung aufgefaßt werden. Von dieser zu komplizierteren Instinkthandlungen, etwa der Verfertigung des Gespinstes der Seidenraupe, ist wieder nur ein gradueller Unterschied. Gewohnheit gewordene Willenshandlungen können die Instinkte nicht sein, denn bei den meisten Instinkten muß den Tieren völlig das Bewußtsein des Zweckes der Handlung fehlen, so bei den mannigfachen Instinkten, durch welche sich die Insekten im Puppenstadium gegen Angriffe zu schützen wissen. Eben diese Instinkte aber werden vielfach nur einmal im Leben ausgeübt, können also nicht auf Übung beruhen. Wenn daher die Instinkte den Reflexmechanismen gleichzusetzen sind, ist ihre Entstehung gleich der der Reflexe zu verstehen. Die Instinkte haben wie die Reflexe ihre materielle Grundläge in den Zellen und Fasern des Nervensystems. Sensible Nerven stehen mit motorischen derart in Zusammenhang, daß ein Reiz der ersteren bestimmte Bewregungszentren in Erregung versetzt, sodaß bestimmte Bewegungen ausgelöst werden. Wie der Reflexmechanismus wird die Instinkthandlung durch einen Sinneseindruck ausgelöst, einen äußeren Reiz, der einen Sinnesnerven trifft, welcher die Erregung zum Zentralorgan fortleitet und von da auf Bewegungszentren überträgt. Bei komplizierten Instinkthandlungen löst die Vollendung der einen Handlung reflektorisch die andere Handlung aus und so fort, bis die ganze Kette zusammenhängender Bewegungen abgelaufen ist, welche die Gesamthandlung ausmacht. So wie alle anderen Teüe des Körpers ändern sich auch die materiellen Grundlagen der Instinkte, die Zellen und Fasern des Nervensystems, womit eine Veränderung der Instinkte gegeben