Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1919 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2720904-2721027--12-2726111- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
14 dieser Frage muß man bedenken, daß ja auch heut noch auf dem Wege der künstlichen Züchtung neue Rassen erzielt werden. Die unbewußte Züchtung ist nur durch das Fehlen des Bewußtseins des Tuns unterschieden, der Weg der Züchtung wird derselbe sein. Nicht durch Kreuzung verschiedener Rassen erzielt der Züchter neue Rassen, denn solche Mischformen sind zahllos und vergänglich und bilden nicht distinkte Rassen. Sondern dadurch, daß Tiere zur Nachzucht ausgewählt werden, die bereits einen schwachen Anfang des gewünschten Charakters haben. Von den Nachkommen werden wieder diejenigen ausgewählt, die die gleiche Eigenart vielleicht etwas ausgeprägter besitzen. Und so werden durch geduldige Häufung unbedeutend kleiner Abweichungen durch viele Generationen hindurch die gewünschten Abänderungen erzielt. So sind Variabilität, Vererbung der zufälligen Unterschiede und Häufung der Unterschiede durch den Züchter die Mittel der künstlichen Züchtung. Fällt von hier ein Licht auf die realen Ursachen der natürliehen Entwicklung der Arten? Nur zwei der angegebenen Faktoren sind auch bei der natürlichen Entwicklung vorhanden: die Variabilität und die Vererbung der kleinen zufälligen Unterschiede. Wie aber kommt es zur allmählichen Häufung der unbedeutenden richtungslosen Unterschiede in der Richtung ihrer Steigerung bis zur Entstehung neuer Arten? Wer ist der Züchter der Naturarten? Hier begegnet uns nün wiederum, der geniale Blick Darwins, der scheinbar ganz Femliegendes in seiner Bedeutsamkeit enthüllt. Malthus hatte aus sozial-ethischen Gründen zur Erklärung der Armut und des Elends der Menschen als einer naturriotwendigen Tatsache auf die Kluft hingewiesen, die zwischen der Zunahme der Menschen auf Erden und der von der Erde produzierten Nahrungsmittel besteht. Während der Mensch sich in geometrischer Progression vermehrt, wachsen die Nahrungsmittel nur in arithmetischer Progression. Dadurch sind Krankheit, Entbehrung, Elend das notwendige Mittel, die Zahl der Menschen zur Menge der Lebensmittel ins Gleichgewicht zu bringen. Diesen Gedankengang überträgt Darwin auf die Erklärung der Entwicklung der Arten. Ist die geometrische Zunahme der Pflanzen und Tiere nicht ebenso sicher, wie die der Menschen? Werden nicht von der Natur im Pflanzen- und Tierreich viel mehr Keime produziert, als in der Menschenwelt, wo so bedeutende Regulative im Denken und Wollen gegeben sind! Die Erfahrung bestätigt diese Erwartung. Also wird auch im Pflanzen- und