Mannheim
Compact Memory

Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung · 1920-01-01 · 1919 (1920) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
Volume
1919 (1920)
Date
1920-01-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2720904-2721027--09-2726108
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

11 So wie Platon und Aristoteles durch den Kosmos der Ideen Einheit, Ordnung, Schönheit, Wahrheit, Entwicklung, Voll״ kommenheit in das Universum brachten, das Universum zum Kosmos machten, war dem Mittelalter der aristotelische Ent״ wicklungsgedanke die logische Form, das Reich der Natur und das Reich der Gnade in stetiger Stufenfolge zur Einheit der Gotteswelt zu verbinden, fand der Aristote es der Neubegründung der Wissenschaft, Leibniz im Entwicklungsgedanken das Schema, mechanisches Geschehen und Zweckmäßigkeit des Geschehens zu vereinen, wurde Entwicklung das Losungswort des Sturmes und Dranges, der in Herderischer Gotttrunkenheit die Natur als den überschäumenden Überfluß göttlicher Kräfte erlebte, bis Goethe und Hegel in der Fülle des Geschehens logisches und sittliches Maß erblickten, indem in der Ewigkeit der Entwicklung der göttliche Geist seine Formgedanken stetig deutlicher und vollkommener verwirklicht. Ist so der Entwicklungsgedanke das Fundament der metaphysischen Naturbetrachtung gewesen, so nahm Goethe den Übergang von der ethisch-ästhetisch-religiösen Naturbetrachtung zur wissenschaftlichen Naturerkenntnis. In seiner Lehre von der Metamorphose der Pflanzen und Tiere wird der Gedanke der Entwicklung konkretisiert zur Idee der einheitlichen Urform der Pflanze, des Tieres, des einheitlichen Gesetzes, das deren Entwicklung bestimmt. Noch aber ist es zweifelhaft, ob Urform und ״Gesetz“ mehr sind als ein nur logisch-ideelles Band der Betrachtung der Erscheinungen, inwieweit sie den realen Vorgang der Entwicklung selbst darzustellen versuchen. Der erste, der dem Entwicklungsgedanken seine empirischreale Bedeutung der realen Verwandtschaft der Arten gab, war Erasmus Darwin, der Großvater von Charles Darwin 1794. Doch Lamarck war es Vorbehalten, dem Entwicklungsgedanken die volle Prägnanz des Gedankens der Abstammung der Arten von einander zu verleihen und die erste naturwissenschaftliche Erklärung der Entwicklung der Arten zu geben, 1809. Ihm folgte Geoffroy Sainte-Hilaire, wie schon 1802 Treviranus ähnliche Gedanken ausgesprochen hatte. Diese große Geschichte hatte der Entwicklungsgedanke, als ihn Darwin aus der allgemeinen Verachtung, der er wegen seiner Verquickung mit metaphysischen Spekulationen in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts anheimgefallen war, befreite und gerade durch seine mechanistische Interpretation zum Siege führte. Doch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.