Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1919 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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10 scheint er jedoch nur den Teufel mit Beelzebub ausgetrieben zu haben. Wohl ist jeder außematürliche Eingriff in den Ablauf des Naturgeschehens ausgeschlossen und die immanente Kau־ salität des Naturgeschehens als Grundlage der Naturerkenntnis festgehalten. Von welcher Art ist aber die Kausalität, die im Entwicklungsgedanken gedacht ist? Soll Entwicklung etwas anderes sein als bloßes Geschehen, so scheint doch im Begriff der Entwicklung gesetzt zu sein, daß das Geschehen nicht rieh־ tungslos verläuft, sondern die aufeinander folgenden Stadien die nicht umkehrbaren Stufen in der Verwirklichung eines Ganzen sind, welches Ziel und Resultat des Geschehens ist. Die Auffassung des organischen Prozesses als eines solchen zielstrebigen auf das Ganze des Organismus gerichteten aber war es gerade, die Aristoteles bestimmte, die besondere das organische Geschehen kennzeichnende Kausalität, die Kausalität des Telos, des Endzwecks zu nennen. Teleologische Kausalität und Entwicklung scheint begrifflich identisch zu sein. Entwicklung als ein zielstrebiger Prozeß scheint nicht anders möglich zu sein, als indem das Ganze bereits das Wirklichwerden der Teile bestimmt. Und wie sollte das Ganze auf seine Teile zu seiner eigenen Verwirklichung durch die Teile anders hinwirken können, als indem das Ganze die Vorstellung eines intelligenten Wesens ist, das diese Vorstellung im Stoffe verwirklicht. So kommt Aristoteles zu seiner Auffassung der teleologischen Kausalität als einer Kau־ salität des Begriffs. Wobei es belanglos ist, ob wir den Begriff des Ganzen selbst im Stoff geistartig wirken denken, oder der Begriff einem Weltgeiste innewohnt, der ihn im Stoff verwirklicht. Der Bündigkeit dieser Erwägungen hat man sich so wenig entziehen können, daß in Wirklichkeit der Entwicklungsgedanke mit Ausnahme des Darwinismus stets zu animistischen oder vita־ listischen Konsequenzen des Entwicklungsgedankens führte. Wir werden bald sehen, wie der Darwinismus diesen zu entgehen und eine mechanische Erklärung der Entwicklung der Arten zu geben suchte. Jedenfalls erkennt er den Entwicklungsgedanken selbst als allgemeine Grundlage auch seiner Theorie an und bringt der Darwinismus selbst den Gedanken der Entwicklung der Arten gegen das Dogma der Konstanz der Arten zur siegreichen Anerkennung. Darum ist es wichtig zu betonen, daß der Entwicklungsgedanke nicht ein original darwinistischer Gedanke ist, sondern im teleologischen Denken der Antike wurzelt und bis auf Darwin bereits eine bedeutende Geschichte hinter sich hatte.