Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1915 (1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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18 Beligion Verdienst und Gnade. Der Gnade Gottes aber wird teilhaft, wer das Gute ernstlich will und liebt. Darum kennt die jüdische Beligion keine Erbsünde und keine Prädestinaiionslehre. Jedem Menschen steht das Gute offen und jedem, der das Gute liebt, die Gnade Gottes. Die Versöhnungslehre des Judentums hat ebensosehr den sittlichen Willen des Menschen, seine Liebe 7,u Gott, wie die Liebe Gottes zum Menschen zur Voraussetzung.1) 4. Unsterblichkeit. Erst in verhältnismäßig später Zeit hat die jüdische Beligion die Unsterblichkeit der Seele in den Kreis der religiösen Überzeugungen gezogen. Obwohl Bibel, Propheten und Psalmen, die der Antike geläufige Vorstellung eines Eortlebens der Seele nach der Auflösung des Körpers kennen, auch in der Vorstellung des Scheol eine gemeinsame Stätte der Abgeschiedenen anzunehmen scheinen, ist das Interesse des Prophetismus, insoweit es sich überhaupt mit dem Fortleben nach dem Tode beschäftigt, auf Überwindung des Dämonenglaubens, der Totenbeschwörung gerichtet, auf Beinerhaltung des sittlichen Gottesglaubens von aller Trübung durch Daimonophobie und Totenverehrung. Im Vordergründe der prophetischen Verkündigung Gottes aber bekundet sich die Gewißheit, daß Gottes Gerechtigkeit und seine Güte den Lebenden findet, sowohl in der Familien und Geschlechter zusammenfassenden Einheit des Volkes, wie selbst im Leben des Einzelnen. Kicht allein die drohende Auflösung der Einheit der Kation und das sinkende Vertrauen zu einer Gerechtigkeit des Diesseits, sondern der positive, immer tiefer dringende Zug persönlicher Frömmigkeit hat den Glauben an das Verbundensein des Menschen mit Gott auch nach seinem Tode, den religiösen Unsterblichfeeitsglauben als letzte Tiefe jüdischer Frömmigkeit geschaffen. Die selbständige Kraft des religiösen Glaubens bekundet sich auch hier in der Unabhängigkeit, mit der ein aller Erfahrung unzugängliches Beich der religiösen Überzeugung erschlossen wurde. Denn mochte eine naive Psychologie oder außerwissenschaftliche Metaphysik die Selbständigkeit des ־) Vgl. G-uttmann: Die Idee der Versöhnung im Judentum.