Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1915 (1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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16 leben in Freude und Schmerz zum guten Teil Wirkung der vom Menschen unabhängigen Natur auf ihn selbst. Ebenso gewiß, daß seine seelischen Fähigkeiten nicht freies Werk des Menschen, sondern Mitgabe der Natur sind. Nur im Wollen sollte der Mensch Herr seiner selbst sein? Beruht doch im Gegenteil alle Konstanz menschlicher Beziehungen auf der Sicherheit, daß alle Handlungen mit Stetigkeit aus der Bestimmtheit der Charaktere hervorgehen. Die Gesetzlichkeit des Willens durch die Konstanz der Motivationen ist ebensosehr Voraussetzung der Wissenschaft wie des Lebens. Das Sittliche selbst fordert zu seiner Verwirklichung die Gesetzlichkeit und Notwendigkeit auch des menschlichen Willens. Denn ein freies, d. h. ursachloses Wollen verliert, selbst wenn es möglich wäre, mit seiner natürlichen zugleich seine ideelle Notwendigkeit. Eine Entscheidung des Willens» ohne daß der vorgestellte Inhalt des Willens als Motiv den Willen determiniert, verdient ebensowenig den Namen des Willens, wie eine solche zufällige Entscheidung sittlich gewertet werden kann. Nur wenn ein vorgestellter Zweck den Willen zum Handeln bestimmt, in der Bestimmtheit der Motivation kann von Willen gesprochen und ein solcher Grundläge sittlicher Beurteilung werden. Alsdann aber ist auch die Determination durch ein nicht sittliches Motiv, wenn sie eriolgt, notwendig. Welchen Sinn aber hat eine sittliche Wertung desWillens, wenn der Wille mit Notwendigkeit durch seine Motive bestimmt wird? Wollte die sittliche Beurteilung nicht die Ursächlichkeit des Wollens berühren, sondern nur den Wert der verschiedenen Willensentscheidungen je nach dem Inhalt der Motive feststellen, so wie Wahrheit und Schönheit nicht die Ursächlichkeit der ihnen unterstehenden Phänome berühren, sondern ihren Wert hervorheben, welchen Sinn hat es dann von einer Pflicht sittlichen Wollens Zureden! Wenn das Wollen stets wie es ist, notwendig ist, welchen Sinn hat es eine bestimmte Richtung des Willens stetsund unbedingt zu fordern! Und doch fordert Religion und Ethik die Konstanz sittlichen Wollens! Nur darin ist die Forderung sinnvoll, wenn ihre Erfüllung möglich ist. Wie aber kann die Möglichkeit ein־• gesehen werden, wenn die Unabhängigkeit des Willens das Wollen überhaupt, die Determiniertheit des Wollens aber die Möglichkeit stetigen sittlichen Wollens aufhebt?