Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1915 (1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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15 3. Willensfreiheit. Die Energie sittlichen Willens hat dem jüdischen Gottesbegriff seinen sittlichen Gehalt gegeben, der seinerseits sich geltend macht in der Forderung, das ganze Leben im Geiste Gottes zu weihen. ״Heilig sollt Ihr sein!“ Die ungebrochene Kraft der jüdischen Religion spricht sich in der Fraglosigkeit aus, mit der die Heiligkeit Gottes zum Urbild und Ziel menschlichen Lebens erhoben wird. Kein Zweifel besteht, daß dem ernsten und tiefen Willen des Menschen die Erfüllung seines Zieles möglich ist. Wohl läßt gerade die Aufgabe der Heiligung des menschlichen Lebens die Sündhaftigkeit des Volkes und des Einzelnen um so schärfer hervortreten, ist der gesamte Propbetismus eine Mahnung an Priester, Könige, Richter, Familien, Stämme, Reiche gegen die götzendienerische Sündhaftigkeit ihres Lebens. Ebenso gewiß aber ist es dem Propheten, daß es nur an der Entscheidung des Volkes und des Einzelnen liegt, ob Gerechtigkeit, Wahrheit, Gottesfurcht die Grundlagen ihres Lebens werden. ״Du aber wähle das Leben.“ Die Frömmigkeit, der die Allmacht der göttlichen Wirksamkeit gewiß ist, weiß ebenso gewiß, daß das Tun des Menschen aus der Freiheit seines Willens hervorgeht und darum der Mensch die Verantwortung für sein Leben trägt. Die Schranke der göttlichen Allmacht an der Freiheit des menschlichen Willens ist eine von Gott gewollte. Denn nur aus der Freiheit kann ein von Gott gefordertes heiliges Leben hervorgehen. Wäre Sündhaftigkeit ein von Gott verhängtes Geschick, so hätte die Forderung der Heiligkeit keinen Sinn, noch unbegreiflicher־ aber, wie ein heiliger Gott Sündhaftes bewirken könnte. Der sittliche Ernst der jüdischen Religion prägt sich in seiner Lehre der Freiheit des menschlichen Willens aus. Denn auf ihrem Grunde ist die ständige Wiederherstellung der Heiligkeit des Lebens, die Rückkehr zu Gott erst möglich. Die von der jüdischen Religion und aller wahrhaften Ethik aufgenommenen Lehre von der Freiheit des Menschen ist der tieferen Einsicht in die Grundlagen des Seins problematisch geworden. Die Einheit der Natur unterwirft auch den Menschen ihren Gesetzen, gestattet keine Sonderstellung des Menschen in der Natur. Sein physisches Sein untersteht offenbar den Gesetzen des Naturgeschehens und damit ist auch sein Er-