Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1915 (1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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14 Der lebendigen Frömmigkeit widerspricht es, das Gebet als nur subjektiv bedeutungsvoll für die Vertiefung, Klärung, Beruhigung des eigenen Gefühls zu erklären. Ebensowenig kann aber eine magische Wirkung der bloßen Worte des Gebetes auf Gott angenommen werden. Wohl aber erlangt im Gebet die religiöse Persönlichkeit eine Kraft der Innigkeit und Reinheit, die nicht bedeutungslos für das Schicksal des Betenden und des Gebetes ist. Die im Gebet sich offenbarende Gesinnung ist eine sittliche Tatsache, die wie das Sittliche überhaupt Grundlage des Geschehens ist. Den gleichen Sinn wie das Gebet haben die religiösen Handlungen, die religiösen Bräuche. Auch sie sind nichts als bloßes Tun, bedeutungsvoll aber als Bekundungen religiöser Ehrfurcht. Wie das Gebet das Erleben des Beters und die Geschichte der Religionsgemeinschaft widerspiegelt in ihrer Bezogenheit auf Gott, sind die religiösen Bräuche die geschiehtliehen Formen, in denen die Kultgemeinschaft ihr religiöses Empfinden ausprägte. Eben darum unterstehen sie auch dem Wandel, wenn sie aufhören, möglicher Ausdruck des religiösen Empfindens zu werden. In der Kontinuität dieser geschiehtliehen Entwicklung aber bekundet die religiöse Gemeinschaft ihre Einheit, wie das religiöse Bewußtsein nie aufhören kann in Formen sich selbst objektiv zu werden. Lebendige Religiosität fordert den Kultus nicht als bloß Äußeres, sondern als gestalteten Ausdruck der Frömmigkeit. Der vielgeschmähte Ritualismus des Judentums hat seine Wurzel in der Intensität des religiösen Verlangens, das ganze Leben des ganzen Volkes durch religiöse Bräuche mit religiösem Geiste zu durchdringen. In dem Maße, als dieses Verlangen nachließ, oder das Leben die Formen sprengte, hat der Ritualismus tatsächlich an Kraft verloren. Die Notwendigkeit des Kultus aber besteht fort, denn in ihm hat die Frömmigkeit ihren gestalteten Ausdruck. Da aber Gottes Wesen der sittlichen Erkenntnis zugänglich ist, hat die jüdische Religion den Kultus zugleich gestaltet als Mittel der sittlichen Vertiefung der Gotteserkenntnis. Neben Gebet und Bräuchen ist die religiöse Belehrung das charakteristische Kennzeichen des jüdischen Gottesdienstes. In der Belehrung mündet der Kultus der jüdischen Religion in die Aufgaben des menschlichen Lebens.