Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1915 (1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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13 b) Kultus. So sehr die jüdische Keligion in der Erfüllung der sittliehen Forderungen die entscheidende Gottesverehrung, die Heiligung des göttlichen Kamens erkennt, drängt lebendige Frömmigkeit über die Gottes Verehrung durch sittliches Handein hinaus zu einer unmittelbaren Verehrung des Heiligen. Die jüdische Religion fordert nicht nur die Erfüllung des göttlichen Willens, sondern ist im tiefsten Grunde Liebe zum heiligen Gott, wie bereits aus dem Bekenntnis des ״Schema“ hervorgeht. Die Intensität dieses religiösen Grundgelühls verlangt über die Erfüllung des göttlichen Willens hinaus die Erhebung des ganzen geistigenWesens des Menschen zur Andacht der Gottesverehrung. Mag der Kultus seine Wurzel in dem egoistischen Willen des Menschen haben, die Gottheit für seinen Willen zu gewinnen, in der jüdischen Religion hat der Kultus seine höhere und allein wahre Bedeutung erlangt, die Andacht der Gottesliebe zu gesammelter Tiefe gelangen zu lassen. Der heilige Gott aber bestimmt Inhalt und Grenzen der im Kultus sich darstellenden Frömmigkeit. Wie bereits der jüdische Opferkultus das Menschenopfer nicht zuläßt, ist orgiastische Erregung, Verwischen des sittlichen Abstandes zwischen Gott und Mensch der jüdischen Frömmigkeit fern. In der Andacht des Kultus wird sich der Jude der Heiligkeit Gottes bewußt, zugleich des Herrn über Leben und Vergehen gemäß seinem heiligen Wesen. Mit der fortschreitenden Verinnerlichung dieses Bewußtseins wird auch seine Äußerung eine rein geistige, tritt in den Mittelpunkt des jüdischen Gottesdienstes das Gebet. Die Zerstörung des Tempels hat diese Entwicklung beschleunigt. Im Gebet des Einzelnen und im Gebet der Gemeinschaft erhält die Andacht der Gotte »,liebe ihre innerliche Kraft und Tiefe. Der Kultus des Gebetes ist die organische Wirklichkeit, der reine Ausdruck der Gottesverehrung. In Freude und Schmerz, Hoffnung und Trauer, Vertrauen und Zerknirschung trägt die Seele im Gebet das Gefühl ihres Lebens zu Gott empor. Sabbathe und Feste, Bräuche und Gebete sind die historisch erwachsenen Formen, in denen das religiöse Gefühl seiner selbst und seines Gottes gewiß wird, in denen Volk und Individuum sein Leben auf Gott bezieht. Im Kultus spricht sich die historische Individualität des religiösen Gefühls aus, lebt seine Geschichte in ihrer Beziehung auf Gott.