Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1915 (1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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12 tung zu wahrhaftem Lehen. So gewiß aber der Gott der Sittlichkeit nicht an den Grenzen des jüdischen Staates zu sein aufhört, ist bereits Y0n den Propheten die Forderung der Gotteserkenntnis nicht auf das jüdische Volk beschränkt, sondern an den Menschen gerichtet (Micha 6,8). Das Korrelat des Einzigen Gottes ist die Einheit der den Heiligen anerkennenden Menschheit, }sicht das ist das religionsgeschichtlieh Entscheidende, ob und bis zu welchem Grade das jüdische Volk in dem von den Propheten verkündeten messianisehen Eeiche seine politischen Hoffnungen nach Wiederherstellung seiner nationalen Existenz zum Ausdruck brachte, sondern der vollkommen neue Gedanke, daß das messianische Reich ein Reich vollendeter Gotteserkenntnis, die sittliche Einigung der gesamten Menschheit in der Anerkennung des Einzigen Gottes bedeutet. Die Anerkennung des heiligen Gottes aber besteht in der Heiligung des menschlichen Lebens. Der Sinn der Heiligung ist in den Aufgaben der Versittlichung aller natürlichen Beziehungen der Menschen gegeben und entfaltet. Als Ethik des Familienlebens, des Staats- und Völkerlebens prägt die jüdische Religion die Forderungen Gottes an den Menschen aus. In der vorurteilslosen Würdigang des natürlichen Lebens und der naturhaften Beziehungen von Mensch zu Mensch im gesellschaftlichen Leben als des Materials seiner durchdringenden Versittlichung spricht sich die Kraft und die ethische Zuversicht des jüdischen Glaubens aus. Der Gedanke der Theokratie bedeutet gerade dies, daß der heilige Gott in Leben und Welt geheiligt sein will und geheiligt werden kann. Da die Erkenntnis Gottes als des Heiligen, die Grundforderung der Versittlichung aller natürlichmenschlichen Verhältnisse von der Zerstörung des jüdischen Staates nicht berührt und aufgehoben wurde, vermochte die jüdische Religion den Untergang des jüdischen Staates zu überdauern. In Familien- und Staatsleben besteht für den Juden die Verpflichtung der Heiligung, der Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe. Alle religiöse Entwicklung auch der nichtjüdischen Religionen hat überall, wo es um religiöse Vertiefung des Lebens in Welt, Staat, Familie zu tun war, auf diesem Grundzug der jüdischen Religion aufgebaut. Ohne ihn ist Religion Quietismus.