Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1915 (1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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11 2. Gottesverehrung. a) Sittlichkeit. Die Erkenntnis Gottes aus der Energie des sittlichen Bewußtseins fordert eine Anerkennung des göttlichen Wesens und Wirkens in Sein und Wirken des Menschen. ״Heilig sollt Ihr sein, denn heilig bin ich der Ewige, Euer Gott.“ Man hat versucht, den Begriff der Heiligkeit, wie er in der jüdischen Eeligion als Sein Gottes und Aufgabe des Menschen geprägt ist, zum Begriff einer nur kultischen, äußeren Beinheit und Absonderung zu erniedrigen. Bibel, Propheten und Babbinen, als die berufenen Interpreten dieses Begriffs lassen keinen Zweifel, welches sein wahrer Sinn ist, der Sinn der vollendeten Sittlichkeit des Wollens und Handelns.1) Wie die Einheit der Welt, ihr einheitlicher Sinn gegründet ist auf den Einzigen Gott, ist der Mensch Mittelpunkt und Ziel der von Gott geschaffenen Welt. Selbst der Naturanschauung des biblischen Altertums, geschweige der die Unendlichkeit der Natur anerkennenden Gegenwart kann die Erhebung des Menschen zum Ziel der Welt nur durch den einzigen Wert menschlichen Seins gerechtfertigt sein. Dadurch aber ist sie gerechtfertigt, denn das entscheidende Gesetz des Seins ist der Sinn und durch das Sittliche, wie es im Mensehen Wirklichkeit erlangt, ist allein der Sinn der Wirklichkeit erfüllt. Drückt diesen Wert des Menschen der Schöpfungsbericht mit den Worten aus, daß Gott den Menschen in seinem Ebenbilde geschaffen habe, so erkennen die Propheten den Vorrang des Menschen in seiner Fähigkeit der Gotteserkenntnis. Oft wird mit Hohn der Hochmut der in den jüdisch-religiösen Schriften sich aussprechende Gedanke der Auserwäbltheit des jüdischen Volkes gegeißelt. Und doch haben Bibel, Propheten und Babbinen keinen Zweifel darüber gelassen, daß der Vorzug des jüdischen Volkes wie die Schwere seiner geschichtlichen Schicksale in nichts anderem gegründet sei, als in der in seiner Gotteserkenntnis liegenden Verpflich- נ) Vgl. Güdemann: Das Judentum in seinen Grundzügen and nach, seinen geschichtlichen Grundlagen. Wien 1902; M. Lazarus: Die Ethik des Judentums 1904; Ei bogen: Die Eeligionsanschauungen der Pharisäer. Berlin 1904.