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Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung · 1916-01-01 · 1915 (1916) · page 10

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Journal
Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
Volume
1915 (1916)
Date
1916-01-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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IRI
…/2720904-2721035--09-2725907
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10 in immer radikalerer Anwendung vom Leben des Volkes auf das Leben des Individuums als dessen freie Tat empfunden und beurteilt worden. Wie die Freiheit des Individuums mit der Wirksamkeit Gottes und der Gesetzlichkeit des Geschehens zusammen bestehen könne, ist ein Problem, das wir des weiteren zu behandeln haben. Daß aber das Unglück, das Schicksal des Menschen nichts ideell Zufälliges ist, das nur aus der Verkettung der Natur- Ursachen hervorgehe, sondern seine sittliche Wurzel in Gott habe, ist eine Grundüberzeugung der jüdischen Beligion. Wie die Schicksale des jüdischen Volkes und des Staates von den Propheten als Folgen seines sittlich-religiösen Verhaltens erlebt und gedeutet wurden, haben Psalmen und Weisheitsspräche, insbesondere das Buch Hiob alle religiösen Deutungsmöglichkeiten des Schicksals erschöpft. Als Strafe, als Läuterungsmittel, zur Prüfung, Erziehung, Erhöhung der religiösen Geduld, der Demut des Vertrauens auf Gott hat die jüdische Beligion den Segen des Unglücks, seinen heüigen Sinn zu erfassen gesucht. Dieser Sinn aber ist nicht anders zu erweisen, als durch die gläubige Willigkeit, an sittlicher Kraft zu wachsen durch die Tiefe des Vertrauens. So sehr der Prophet überzeugt ist, daß ein Gott gefälliges Leben zum Segen auch des äußeren Daseins führt, traut der Prophet auch dem zeitweiligen Glücke des Volkes nicht, da er die Überzeugung hat, daß ein dauernder Friede verdient sein muß durch Tiefe und Beinheit des sittlichen Willens. In Unabhängigkeit von dem Augenschein der sinnliehen Erfahrung fordert der Prophetismus seine sittliche Vertiefung. Dem Guten kann nichts Böses widerfahren, lehren andrerseits die Propheten, obwohl gerade sie selbst fast jede Unbill des Daseins zu erfahren hatten im Unglück des Volkes wie im eigenen Leben und Wirken. Nur der Unerschütterlichkeit und Tiefe des Vertrauens, daß Gottes heilige Macht das Leben der Welt und jeder Menschenseele trägt, gelingt es Leid selbst in Segen zu wandeln in Erfüllung seines Sinnes. Der wahrhafte religiöse Idealismus bekundet sich darin, daß er nicht utopische Schönfärberei ist, aber sich auch nicht beim Sinnenschein begnügt, sondern stets die Wirklichkeit in ihrer Beziehung zur Idee des Heiligen richtet, im vollen Gehalt dieses Wortes, urteilend und lenkend.

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