Mannheim
Compact Memory

Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung · 1914-01-01 · 1913 (1914) · page 57

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
Volume
1913 (1914)
Date
1914-01-01
Page
– (sequence 57)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2720904-2721037--056-2725850
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1/ Auf diese Schilderung an sich ist jedoch zunächst kein Gewicht zu legen. Es lässt sich aus derselben höchstens schliessen, dass eine skeptische Stimmung, eine gewisse Neigung zum Zweifel in manchen Kreisen verbreitet war. Daraus folgt jedoch keineswegs dass manche sich grundsätzlich zur Skepsis als Doktrin bekannt hätten. Und für das Vorhandensein einer solchen skeptischen Stimmung brauchen wir nicht lange nach einer Erklärung zu suchen. Das plötzliche Eindringen einer Flut von fremden Ansichten aus der griechischen Philosophie, die zu den überlieferten einheimischen Anschauungen im Gegensatz standen und auch untereinander zum grossen Teile im Widerspruch waren, konnte leicht viele in ihrem Glauben irre machen und die Neigung zum Zweifel erzeugen. Man braucht also die von Saadia geschilderte skeptische Stimmung gar nicht mit der griechischen Skepsis in Verbindung zu bringen, und etwa anzunehmen, es läge hier zum mindesten ein Beweis von einem Einfluss der Letzteren vor. Gleichwohl erscheint die Darstellung Saadias doch nicht so harmlos, wenn man sie mit einer anderen Stelle vergleicht, in der von Anhängern des Protagoras die Rede ist. Im Anschluss an seine Definition des Glaubens bemerkt Saadia, nur derjenige sei weise, welcher die Dinge zur Grundlage macht und sich in seinen Ansichten nach ihnen richtet, töricht hingegen derjenige, welcher in der Meinung, dass sich die Dinge nach ihm richten werden, umgekehrt verfährt. Hierauf fährt er fort: ״Ich habe Leute gesehen, über die ich mich wundern musste, die Knechte sind und keinen Herrn zu haben glauben, weil sie in der Einbildung leben, dass das nicht vorhanden sei, dessen Existenz sie leugnen, und dass umgekehrt dasjenige vorhanden sein müsse, dessen Existenz sie als wirklich setzen. Wenn dem so wäre, so brauchte ja derjenige, der kein Geld hat, sich bloss einzubilden, dass seine Säcke voll Gold seien, und der Hungrige, er sei satt, usw. Aber wie schnell würden diese ihres Irrtums inne werden; und ebenso wird es denen ergehen, die da meinen, sie könnten sich ungestraft den Geboten Gottes entziehen, wenn sie an seine Existenz nicht glauben.“34) Der ganze Wortlaut spricht dafür, dass es sich hier nicht lediglich um eine theoretische Bekämpfung der Ansicht des Protagoras handelt, dass Saadia vielmehr von Zeitgenossen redet, die sich tatsächlich zu dieser Ansicht bekannten. Wir können demnach daraus ent- 34) Das. S. 6.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.