Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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159 haupt wüssten alle mannbaren Juden im Herzogthum von dem Ereigniss, nur die Weiber und Kinder wüssten nichts. Im Uebrigen seien alle Juden Schelme und Bösewichter und nur darauf aus, die Christen zu betrügen. Solchen Aberwitz erpressten und glaubten die Menschen des sechszehnten Jahrhunderts. Nur ausnahmsweise gab es einen, der wie der redliche Andreas Osiander sich über derartige Greuel öffentlich entrüstete. ״Ich hab die Juden offt darum angeredet, sagt er in seiner Abhandlung über die Blutbeschuldigung1), ״warumb sie so verzweyffelte leut seyen / das sie durch jr falsche Bekantnüs / sich selbst vmb leyb und leben bringen / darzu die gantzen judenschafft / in einen solchen growlichen verdacht setzen? So haben sie mir geantwort / wann ein Jud an der marter hang / vnd der hencker vnd seine Beistender nicht nach lassen wollen / biss sie bekennen / es sey gleich war oder nicht / wie sie jm anderst thuen sollen / dann bekennen, was man nur wolle / Es sey genug / das Got jre peiniger also straff / das sie die Juden nötten / solche ding bekennen / da ein yeder verstendiger / von stundae kön ermessen / das es erlogen sey.“ Der Jägerndorfer Landeshauptmann ermass das selbstverständlich nicht. Ihm genügte vielmehr das erpresste Gestandniss, um alle mannbaren Juden des Herzogthums ins Gefängniss zu werfen und ihre gesammte Habe mit Beschlag zu belegen. An der Verbrecherin wurde, nachdem sie noch einmal die Zuverlässigkeit ihrer Aussage versichert hatte, sofort die Todesstrafe vollzogen. Durch diese brutale Tatsache sollte eine feste Grundlage für das weitere Verfahren gegen die Juden gewonnen werden. Als dann am Tage nach der Hinrichtung des Weibes der Landesälteste nochmals vernommen wurde, erklärte er alle seine Bekenntnisse für eitel Lug und Trug. Selbst der gestrenge Landeshauptmann stutzte einen Augenblick. Aber zwei Rechtsgelehrte, die an dem Tage gerade auf dem Wege nach Wien in Jägerndorf Station machten, der Breslauer Stadtschreiber Dr. Heinrich Ribisch und der Breslauer Rathssvndicus D1*. Vipertus [Schwab]2), denen die studia *) Der vollständige Titel lautet: ״Ob es war vn glaublich sey / dass die Juden der Christen kinder heymlich erwürgen / und jr bLut gebrauchen / eine treffenliche schrifft / auff eines yeden vrteyl gestellt.44 Sie ist 1893 von Moritz Stern neu herausgegeben worden. Ich zitiere nach dieser Ausgabe. Die Stelle findet sich S. 22 f. 2) Vgl. über ihn Cod. dipl. Sil. XI, 45 und Bauch in Z. XXXI, 152 ff.