Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1909
- Date
- 1909-01-01
- Page
- – (sequence 89)
- Language
- German
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89 eigentümliche Terminus, mit welchem die As‘arijja die in der Natur herrschende Regelmässigkeit bezeichnen, das Wort Gewöhnheit, das sie mit Absicht an Stelle des Naturgesetzes setzen, um damit auszudrücken, dass die Naturveränderungen nicht mit Notwendigkeit sondern mit einer gewissen Regelmässigkeit, die auch ausbleiben könne, erfolgen — auch jener Terminus ist vielleicht nur eine Uebertragung aus dem Griechischen. Wie die Mutakallimun dem Demokrit die Atomenlehre entlehnten, so werden sie vielleicht auch seine Behauptung, dass nur die Atome und das Leere wirklich seien, süss und bitter jedoch, warm und kalt, Farbe nur v 710׳ sei, bloss nach der allgemeinen Ansicht Geltung habe, in ihrer Weise wiedergegeben haben. Der Sinn freilich scheint auf den ersten Blick ganz verschieden zu sein, denn bei Demokrit bedeutet das Wort, dass die genannten Eigenschaften bloss subjektiv seien; gleichwohl ist ein Zusammenhang, ein solcher Uebergang von einer Bedeutung in die andere nicht von der Hand zu weisen. Bei den mancherlei Missverständnissen, denen wir schon begegnet sind, wäre es nichts Auffallendes, wenn man gerade ein so vieldeutiges Wort wie das griechische v1\nw nicht präzis erfasste und dem entsprechend wiedergab. Zu den verschiedenen Wandlungen, die der Ausdruck uotm in der griechischen Philosophie selbst durchgemacht hat1), würde also noch kommen seine Verwandlung in den Begriff der Gewohnheit bei den Arabern. Im übrigen ist der arabische Ausdruck selbst sehr unbestimmt. Jedenfalls bedeutet er nicht das, woran man zunächst bei dem Worte Gewohnheit denkt. Die Meinung ist keineswegs, dass der Stein, in die Höhe geworfen, zu Boden falle, weil er dies schon öfters getan, was darauf hinauskäme, dass der Natur die Gewohnheit zur zweiten Natur geworden. Der Sinn ist, wie wir sehen werden, schwankend, und als Uebertragung für das griechische Wort in seiner schillernden Bedeutung ist der Ausdruck vielleicht gar nicht ungeschickt gewählt. Wie es sich aber auch mit der Herkunft des Wortes verhalten mag, möchten wir dem System der As‘arijja nicht alle Originalität absprechen. Der Gedanke, dass Gott allein die wirkende Ursache in allen Veränderungen sei und die Dinge bloss die Bedeutung von Gelegenheitsursachen haben, ist mit grosser Konsequenz durchgeführt cS* * cs* *) Vgl. Steinthal, Geschichte der Sprachw. bei den Griechen u. Römern, S. 45.