Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1909
- Date
- 1909-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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4 gestaltet wurde1). Was den Namen betrifft, so ist er nach einigen darauf zurückzuführen, dass eine der Hauptkontroversen der Mutaziia sich auf die Rede Gottes bezieht, wonach Kalam soviel wäre, wie die Wissenschaft von der Rede Gottes, während er nach anderen soviel wie Logik bedeutet und die Mutakallimun die ganze Wissenschaft nach einem Teile benannt hätten. Wir lassen das alles auf sich beruhen; die Aufgabe, die wir uns gestellt haben, ist, zu ermitteln, wie sich der Kalam zur griechischen Philosophie verhält. Renan sagt von der aristotelisehen und neuplatonischen Richtung in der arabischen Philosophie, dass sie nur eine vorübergehende Episode in der Geschichte des arabischen Geistes, die wahrhafte philosophische Bewegung des Islam hingegen in den theologischen Sekten, bei den Kadariten, Gabariten usw., mit einem Worte im Kalam zu suchen sei2). Was nun das absprechende Urteil über die arabischen Aristoteliker und Neuplatoniker betrifft, so geht es uns hier nichts an; wir glauben, dass Renan im Rechte ist, wenn man auch hie und da Einwendungen zu machen versuchte. Was jedoch die zweite Behauptung betrifft, die Behauptung von der Originalität des Kalam, so ist sie meines Wissens noch nicht von irgend einer Seite angefochten worden. In der Tat verfehlen nicht die Ansichten der Mutakallimun auf den ersten Blick, den Eindruck der Selbständigkeit zu machen. Während die Abhängigkeit der arabischen Aristoteliker und Neuplatoniker von den Griechen handgreiflich vor Augen liegt, so ist das bei den Mutakallimun keineswegs der Fall. Man glaubt, etwas Neues vor sich zu haben, und wenn die eine oder andere Aeusserung an eine Bekanntschaft mit der griechischen Philosophie flüchtig erinnert, ein durchgehender Einfluss ist schwer zu erkennen. Wir wollen nun im Folgenden dartun, dass dieser Schein der Originalität lediglieh auf Missverständnissen verschiedener Art beruht. Nicht bloss, dass die Ansichten der Mutakallimun von den Neueren vielfach falsch aufgefasst wurden, sondern die arabischen Schriftsteller selbst, die uns die Ansichten der Mutakallimun überliefern und denen wir hauptsächlich unsere Kenntnis des Kalam verdanken, geben dieselben entstellt wieder. Ja vielfach wird das Missverständnis noch höher hinaufreichen und darauf zurückzuführen sein, dass die Autoren selbst, in deren Namen die eine oder andere Ansicht überliefert wird, נ) Haarbrücker, Uebersetzung Sahr. II, S. 389. Vgl. auch ZDMG. Bd. 57, S. 177 ff. 2) Renan, Averroes et l’Averroisme, Paris 1852, S. 67.