Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1907
- Date
- 1907-01-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2720904-2721003--24-2725313- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
127 Die Lage der Juden war zum Verzweifeln. Kein Mensch glaubte den Betheuerungen ihrer Unschuld. Etliche Verwegene unter ihnen wagten, dem Gefängniss zu entweichen. »Fromme1) Leute״ setzten ihnen nach und brachten sie nach vier Tagen glücklieh wieder ein. Für ihre Mühe erhielten sie später 30 Gulden aus dem geraubten Judengut2). Mit knapper Noth gelang es den Wenigen, die anderswo heimatsberechtigt waren, mit Hilfe ihrer Obrigkeit Leib und Leben in Sicherheit zu bringen. Die Rathmannen von Soldin verwendeten sich am 5. Juni 1453 für »ihres hern joden Dauite und synen kumpan meygher“, die um redliehen Erwerbes willen nach Breslau gekommen seien3)• Einem Juden, der dem Herzog Bernhard von Oppeln (VI, 24) zugehörte, musste sogar für sein weggenommenes Geräth eine baare Ent- Schädigung von 50 Gulden gegeben werden4). Am wärmsten nahm sich der Bischof Peter eines in Breslau eingesperrten Neißer Juden an. Es ehrt den edlen Kirchenfürsten, der allgemein im Rufe ausgebreiteter Gelehrsamkeit und tadelloser Rechtschaffenheit stand5), aufs Höchste, dass er in jener Zeit des Taumels, in der seinen Gläubigen die Grenze zwischen Recht und Unrecht zu entschwinden drohte, bei dieser Gelegenheit zu Gunsten der Geängstigten ein zur Ruhe und Besonnenheit mahnendes Wort zu sprechen sich entschloss. ״Wir hören gemeine Gerüchte“, schreibt er am 2. Juni 1453 an den Rath6), ״wie ihr mitsammt unsers gnädigsten Herrn, Königs Ladislaus, Räthen Willen seit, mit den Juden, die ihr im Gefängniss habt, in einer Weise zu verfahren, die wir nicht glauben möchten, zumal ihr weder früher noch jetzt uns irgend etwas davon gemeldet habt. Uns deuchte auch nicht räthlich, dass sie, da, sie nicht gleich an der Thäterschaft sind, gleich an der Strafe sein sollen. Auch hören wir, wie ein Theil von ihnen an solchen klägliehen Geschichten ganz unschuldig sei u. s. w. Darum wäre unser Gutdünken, dass ihr euch mit den gefangenen Juden nicht übereilt, sondern genau prüfet, ob sie alle oder nur theilweise schuldig 1) Wohl im Sinne von »tüchtig, beherzt״ gemeint. 2) O., S. 87. 8) Or.-Urk. des Stadtarchivs. Correspond. 4) 0., S. 86. Vgl. auch die Or.-Urk. d. Bresl. Stadtarchivs, d. d. 6. Mai 1463. 5) Heyne-III, S. 711. 6) Stadtarchiv. Corresp. Die Papierurkunde hat durch Kalk- und Wasserschaden stark gelitten. Ich bringe den Text, soweit er mit ziemlicher Sicherheit zu entziffern war, im Anhang V zum Abdruck.