Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1905
- Date
- 1905-01-01
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
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32 sie nach Afrika, Italien und der Türkei auswanderten; in Deutschland wurden sie nach den Schreckensjahren von 1348 und 49, in denen sie, weil sie die Brunnen vergiftet und somit den sogenannten schwarzen Tod verursacht hatten (!), zum grossen Teil hingemordet wurden, also in der zweiten Hälfte des 14. und im 15. Jahrhundert, von Ort zu Ort getrieben und begaben sich allmählich in die östliehen, slavischen Länder, wo sie gastliche Aufnahme fanden, wenn sie auch da \iel zu erdulden hatten. Kaum hatten sie aber in Italien, der Türke׳, sowie in Polen und Russland festen Fuss gefasst und Ruhe gewonnen, da gaben sie sich ganz dem Halacha- Studium hin und überall bildeten sich höhere Talmudschulen, ״Jeschibot“, geleitet von Rabbinern, den ״ ,אחרוניםden Späteren“, die uns oft Bewunderung einflössen. Denn Männer wie z. B. R. Joseph Karo in Zaphet in Palästina, der Verfasser des Keseph Mischneh, Bet Joseph, Schulchan Aruch und anderer Schriften, R. Salomon Luria in Ostrog und dann in Lublin, R. Mo$eh Isserles in Krakau (im 16. Jahrhundert) müssen uns hinsichtlich ihrer Begabung, Gelehrsamkeit und Leistungen in Staunen setzen. Infolge der grausigen Judenmetzeleien in Russland und Polen durch den Kosakenaufstand in den Jahren 1648 und 49 und infolge des russisch- und schwedisch-polnischen Krieges in den Jahren 1655 und 56 kamen wieder viele hervorragende Rabbiner daher nach den westlichen Ländern, wo sie das Talmudstudium hoben, bis nach dem duldsamen Holland, das im 17. Jahrhundert eine Zufluchts- Stätte für die Judenheit bildete, zunächst und namentlich für die Nachkommen der in Portugal und Spanien zwangsweise und zum Schein zum Christentum übergetretenen Juden, der Marannen, die eine höhere Bildung besassen. Das Talmudstudium wurde bald auch in Amsterdam in einem gut organisierten Lehrhause, תלמוד תורה genannt, gepflegt. Aber auch in Deutschland wurde man inzwischen — der dreissigjährige Krieg war bereits beendet — duldsamer, wenn auch noch die Juden im Jahre 1670 aus Wien, 1671 aus Fulda ausgewiesen wurden. Von den aus Wien gewiesenen Juden nahm bekanntlich der grosse Kurfürst eine Anzahl begüterter Familien in Berlin auf, unter denen sich auch R. Benjamin Mirels-Fraenckel befand, der Grossvater des R. David Fraenckel, der zunächst in Dessau und dann in Berlin Rabbiner war und vermöge seines umfangreichen, gründlichen talmudischen Wissens, der Klarheit und Geradheit seines Denkens und seines geschärften Sinnes für Textkritik den palästinensischen Talmud zu kommentieren unternehmen konnte. Dieser Kommentar findetnoch jetzt in dem von seinem Enkel, dem Kornmerzienrat Jonas Fraenckel, gestifteten Lehrhaus vielfach Beachtung. R. David