Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1905
- Date
- 1905-01-01
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2720904-2721007--31-2725188- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
31 Kairuan zurückgehalten und richtet ein Entschuldigungsschreiben, den erwähnten Brief, nach Kairo. Der vierte begab sich wohl mit den gesammelten Spenden nach Babylonien zurück und war darum im Abendlande weniger bekannt. In Spanien scheint man sich bald darauf von Babylonien losgesagt zu haben, in Nordafrika aber, namentlich von Kairuan aus, stand man, aber anscheinend nicht von Seiten des R. Chuschiel, ferner in regem Verkehr mit Baby״ lonien, vornehmlich mit R. Scherira G. und dessen Sohn R. Hai G., den hervorragenden und bewunderungswürdigen Leitern der pumbeditanischen Hochschule, von denen jeder gegen 100 Jahre alt geworden. Nach dem Tode des R. Hai G. im Jahre 1038 konnte ich aber auch die pumbeditanische Hochschule nur noch zwei Jahre behaupten und Babylonien hört seitdem auf die Zentralstätte der jüdischen Lehre, ja der Schauplatz jüdischen Lebens zu sein. Mit einer gewissen Wehmut scheiden wir vom Sterbelager des R. Hai G., von Pumbedita, Babylonien, und, so wir von einer etwaigen Fortsetzung der Gaonatwürde in Palästina absehen, von der gaonäischen Zeitepoche; wir wenden uns um und getröstet mit gehobenem Sinn begrüssen wir das Abendland, den Anbruch einer neuen, der rabbinischen Zeitepoche. Unser Blick ist auf eine kurze Zeit nach Nordafrika gerichtet, für Jahrhunderte auf das einst gesegnete, blühende Spanien, wo man das Talmudstudium mit philosophischen Forschungen, die nüchterne Sprache der Halacha mit den rythmischen Weisen der neuhebräischen Poesie zu vereinbaren wusste, wir ersteigen die Pyrenäen, blicken hinab auf die liebliche, wissensdurstige Provence, weiter hinauf auf das kühne, scharf״ sinnige Nordfrankreich, schielen hinüber nach dem Inselland, schauen südöstlich nach der ältesten Heimstätte der Juden in Europa, höher nördlich auf das anspruchslose, demutvolle, so innig religiöse Deutschland, besonders nach Hessen hin, und östlich bis zum slavischen Grenzgebiet und überall bestehen zum Teil bereits oder erstehen nach und nach Lehrhäuser, in denen man buchstäblich, den Worten der heiligen Schrift gemäss, Tag und Nacht mit Eifer und Hingebung dem Studium der Thora obliegt. Denn das Studium der Thora ist Gottesdienst, sie labt das Herz, erfreut das Gemüt, erfrischt den Geist. Wie oft konnte Israel in den Tagen der Verfolgung und Unterdrückung mit dem heiligen Sänger ausrufen: ״So nicht Deine Thora, Gott, mein Ergötzen wäre, müsste ich untergehen in meinem Elend.״ Es wäre untunlich, hier selbst nur die bekanntesten Lehrhäuser und Meister aufzuführen und irgendwie zu kennzeichnen, und so sei nur erwähnt, dass die Juden gegen Ende des 14. Jahrhunderts Frankreich, gegen Ende des 15. Spanien und Portugal verlassen mussten, von wo aus