Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1905
- Date
- 1905-01-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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II. ״ והיה ברכהUnd du sollst ein Segen werden.“ Wodurch, meine Andächtigen, wird man ein Segen? Um für andere ein Segen zu werden, antworten wir, muss man vor allem in sich selbst gesegnet sein, und darin liegt ein in praktischer Beziehung äusserst wichtiger Grundsatz ausgedrückt, an welchem die Anstalt unentwegt festhielt. Wenn sich dieselbe auch zur Aufgabe machte, Rabbiner heranzubilden, welche die Bedürfnisse der Zeit kennen, welche dem Denken und Fühlen der Gemeinden nicht entrückt sind, welche, mit einem Worte, gleich jener Sunamiterin in dem heute verlesenen Prophetenabschnitt, von sich sagen können: בתיך עמי אנכי ישבת ״ich wohne unter meinem Volke“ (2. Könige 4, 13), so hat sie doch niemals die Wünsche der Gemeinden zum Massstab für ihre Anforderungen an den zukünftigen Rabbiner gemacht, hat sie niemals der Ansicht gehuldigt, dass für die zukünftigen Führer der Ge־־ meinden bloss das erforderlich sei, was man heutzutage für den praktischen Beruf verlangt, sie wollte nicht eine Abrichtungsanstalt, sondern eine Pflanzstätte der Wissenschaft sein. In der durchaus praktischen Richtung unserer Zeit freilich ist es gelegen, alles für entbehrlich zu halten, dessen Nutzen fürs Leben nicht unmittelbar einleuchtet. Schon die moderne Erziehung ist ja häufig danach eingerichtet, Menschen hervorzubringen, welche für andere ein Segen werden sollen, ohne in sich selbst gesegnet zu sein, man sucht nicht Charaktere zu erziehen, welche durch harmonische Entfaltung aller Anlagen in sich selbst gesegnet sind, sondern fasst Vorzugsweise den zukünftigen Beruf, die zukünftige Stellung in der Welt ins Auge. Allein, meine Andächtigen, da steht gerade am Eingänge unseres Prophetenabschnittes eine Erzählung, die so recht geeignet ist, auf unseren Gegenstand Licht zu werfen. Wir meinen die bekannte Erzählung von jener Witwe, die so arm war, dass sie nur einen einzigen Ölkrug im Hause besass und dem Propheten Elisa ihre Not klagte. Und siehe da, es geschah ein Wunder, der Ölkrug erwies sich als eine unerschöpfliche Quelle des Segens und füllte mit seinem Inhalt alle leeren Gefässe im Hause. Das, meine Andächtigen, wird erzählt, aber das wird nicht berichtet, dass der Prophet imstande gewesen wäre, die leeren Gefässe selbst, an denen doch gewiss kein Mangel war, in einen Segen zu verwandeln, dieses herrliche Wunder vermochte er nicht zu vollbringen. Und doch gibt es heute viele, die da meinen, sie könnten für andere ein Segen werden, auch wenn sie an sich leer an Segen sind, wie wir dies am Beispiel der Erziehung gezeigt haben. Und was das Seltsamste ist, die Leute glauben nicht einmal an Wunder!